Habe heute folgendes tolle Interview im Deutschlandradio mit der Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Maryam Zaree gehört, welche vor allem durch ihre Rolle als Khalila in der TV-Serie 4 Blocks einem breiteren Publikum in Deutschland bekannt geworden ist:

Maryam Zaree ist im Foltergefängnis Evin in Teheran geboren, wo ihre Mutter als Marxistin und Gegnerin des Regimes politische Gefangene war. In ihrem Dokumentarfilm Born in Evin sowie auch in ihrem Stück Kluge Gefühle hat sie diesen Teil ihrer Biographie thematisiert. Die Stellen im Podcast, wo sie über diese Werke spricht, sind für mich die eindrücklichsten. Obwohl ein sehr persönliches Thema, verwehrt Zaree sich dagegen, dass diese Werke bloß eine autobiographische Darstellung seien. Privates habe für sich genommen keinen künstlerischen Mehrwert, sondern seien ein subjektiver Zugang, um kollektive Erlebnisse, auch historische Erlebnisse vermittelbar zu bekommen. Es sei darin um das "Zusammenfassen kollektiven Erlebens" gegangen.

Was Zaree da über Traumata und ihre Weitergabe zwischen den Generationen sagt, ist vom Inhalt her enorm tief und komplex, aber sie schafft es, das mit klaren und einfachen Worten nahe zu bringen. Vielleicht ist es gerade der künstlerische Hintergrund, der es ihr ermöglicht hat, so an diese Dinge herantreten zu können. Es geht um das Fragen, das Schweigen und das Sprechen. Und zwar nicht (nur) zwischen Mensch und Sachverhalt, sondern vor allem zwischen Menschen. Im Stück sagt die Mutter: "Ich dachte, Du fragst irgendwann." Worauf die Tochter antwortet: "Ich dachte, Du sprichst irgendwann." Und im Film sagt die Mutter: "Ich wollte all dem keinen Platz, keinen Raum geben." Die Tochter erwidert: "Du musst keine Antwort geben, aber ich muss mich trauen zu fragen."

Zaree sagt zu diesen Szenen im Podcast:

Die Überlebenden von Folter und Verfolgung stehen in keiner Verantwortung, sprechen zu müssen. Allein dass sie am Leben sind, ist oft so ein Akt des Widerstandes, das ist beeindruckend.

Und:

Diese beiden Generationen, die in Dialog miteinander treten, haben beide das Anrecht einen Umgang damit zu finden. Die 2. Generation hat ein Anrecht auf ihre Fragen. Die 1. Generation hat ein Anrecht darauf, so damit umzugehen, wie sie es können. In diesem Nebeneinanderstehen entsteht vielleicht eine dritte Wahrheit.

Zaree sagt, dass die nachfolgenden Generationen nicht nur ein Recht haben zu fragen, sondern auch eine Verantwortung. Denn das informiere uns, in welcher Welt wir leben und vielleicht auch, in welcher wir leben möchten. "Wir müssen verstehen, was damals passiert ist. Als Gesellschaft müssen wir Bedingungen schaffen, in denen darüber gesprochen werden kann." Das gelte auch für die ganz nahe Vergangenheit, z.B. für die Erfahrungen der Geflüchteten, die um 2015 nach Deutschland gekommen sind.

PS Ich möchte ncoh dieses schöne Lied mit euch teilen, das im Podcast gespielt wird und das wohl eines DER Lieder des iranischen Rock ist:

Es gibt davon ein, wie ich finde, sehr gutes Sample in folgendem Track: