Neulich lief in Dlf Nova folgender Podcast mit dem Titel Die Biologie der glücklichen Liebe:

Es handelt sich dabei weitestgehend um den Vortrag von Thomas Junker, der als Biologiehistoriker vorgestellt wird. Darin versucht Junker im Grunde eine evolutionäre Erklärung dafür darzulegen, warum Menschen (verhältnismäßig) monogam sind, wenige Kinder kriegen und trotzdem (verhältnismäßig) viel Sex haben. Für mich ein optimaler Anlass, um mal ein bisschen was über Evolution zu schreiben. (Ich werde im Folgenden häufig von "Frauen" und "Männern" schreiben. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass das im Podcast so gemacht wird. Wissenschaftlich lässt sich diese geschlechtliche Zweiteilung nicht wirklich aufrechterhalten.)

Die Kombination von Monogamie, (mehr oder weniger) regelmäßig Sex und wenig Kindern mag auf den ersten Blick wenig rätselhaft sein. Für die Evolutionstheorie ist sie das aber! Denn Evolutionstheorie geht grob gesagt davon aus, dass sich in der Biologie alles nach Fortpflanzung und Reproduktion richtet. Unter dieser Prämisse lassen sich erstmal zwei Szenarios in Bezug auf Monogamie, Sex und Kinder vorstellen: Entweder wir kriegen wenig Kinder (vielleicht weil anstrengend) und haben dementsprechend wenig Sex, denn Sex dient ja der Fortpflanzung. Monogamie könnte dann z.B. Sinn machen, weil wir hätten sowieso wenig Sex. Nach Junker, der viel mit Menschenaffen vergleicht, könnte man sagen: Modell Gibbon. ODER wir haben viel Sex, um möglichst viel Nachwuchs zu zeugen und dementsprechend auch ständig wechselnde Partner. Modell Bonobo. ABER verhältnismäßig viel Sex - zum Vergleich: wenn man Junker glauben darf, haben Gibbons ca. sechsmal Sex im Leben oder so -, wenig Kinder und Monogamie, das lässt sich unter Gesichtspunkten der Fortpflanzung schwieriger erklären. Oh. Mein. Gott. Hat Sex vielleicht gar nicht so viel mit Fortpflanzung zu tun??!!

Ok, aber wie funktioniert evolutionäre Theorie eigentlich? Ein hypothetisches Beispiel: Nehmen wir mal an, es gäbe ein Egoismus-Gen und ein Altruismus-Gen. Das Egoismus-Gen führt dazu, dass die Männer, die es besitzen, sich nur um ihren eigenen Nachwuchs kümmern. Die "altruistischen Männer" kümmern sich um ihren eigenen Nachwuchs, aber auch teilweise um den von anderen Männern. Insgesamt kriegen also die Kinder von egoistischen Männern im Durchschnitt mehr Fürsorge und wir können aus biologischer Perspektive annehmen, dass im Durchschnitt auch mehr von ihnen überleben oder dass sie zumindest mehr Fortpflanzungschancen haben, da mehr Ressourcen zur Verfügung. Wenn wir weiter annehmen, dass alle Kinder das Egoismus- bzw. das Altruismus-Gen von ihrem Vater übernehmen, dann folgt daraus auch, dass die Zahl der egoistischen Söhne im Vergleich zu den Söhnen mit altruistischem Gen immer weiter ansteigt - wenn es nicht irgendwelche Faktoren gibt, die wie ein Gegengewicht wirken. Irgendwann gibt es nur noch egoistische Männer: Das altruistische Gen stirbt aus.

Das ist jetzt sehr vereinfacht dargestellt, aber so ungefähr funktionieren evolutionäre Erklärungen von Phänomenen. Junker erwähnt im Podcast die Größe von männlichen See-Elefanten. Sie sind im Verhältnis zu weiblichen See-Elefanten fast doppelt so groß. Eine evolutionäre Erklärung wäre, dass die See-Elefanten-Männchen viel um ihren "Harem" kämpfen müssen. Wer größer ist, gewinnt mehr Kämpfe, kann häufiger seinen Harem behalten und sich also auch häufiger fortpflanzen. Unter dem Nachwuchs haben also mehr Jungtiere seine Gene, als von kleineren Konkurrenten. So setzen sich Größe-Gene dann in der Population der See-Elefanten durch - es gibt einfach mehr Jungtiere, die Nachwuchs von großen See-Elefanten sind.

Zurück zum Menschen. Junker hat da so ein paar populärwissenschaftliche Formulierungen, die er sichtlich mit gewissem Genuss vorbringt. Zum Beispiel: Paarbindung ist eigentlich eine "Erfindung der Männer". Das Publikum ist nun gebannt. Wie das? Das entsteht, erklärt Junker, wenn Männchen so weite Strecken zwischen potenziellen Fortpflanzungspartnerinnen zurücklegen müssen, dass es sich lohnt, einfach bei einer zu bleiben. An dieser Stelle muss man Acht geben und sich erinnern, dass man mit einem Evolutionstheoretiker spricht. Das heißt, hinter der Formulierung "sich lohnen" steckt nicht die Idee einer bewussten Kalkulation von Seiten des Männchens, sondern eine evolutionäre Erklärung: Aufgrund der weiten Strecken können sich die Männchen, die bei ihrer Partnerin bleiben, häufiger oder erfolgreicher fortpflanzen, als diejenigen, die herumstreifen. Wie sich seine Erklärung auf die Menschen übertragen lässt, erläutert Junker nicht weiter. Damit das aber funktioniert, muss man sich eigentlich vorstellen, dass Frauen vereinzelt z.B. in weiter voneinander entfernten Höhlen lebten und die Männer zwischen diesen Höhlen umherstreiften. Das passt zwar nicht ganz zu dem Steinzeitbild von Menschen, die in Gruppen herumstreiften, und erinnert eher an Maulwürfe, Füchse oder Bären, aber wer weiß schon, was da vor zehntausenden von Jahren so los war, nicht wahr?! Vielleicht stammen wir ja auch gar nicht von den Affen ab, sondern von Maulwürfen, damit ließe sich evolutionär auch leichter unser Kellerbau erklären ...

So, Paarbindung ist erklärt. Fehlen noch Kinder und Sex. Kinderaufziehung ist unter Primaten aufwendig, da lässt sich also nicht so viel dran schrauben. (Was übrigens ein anderes, aber nicht zwingendes Argument für Paarbindung ist, das auch Junker nennt.) Warum also der (verhältnismäßig) viele Sex. Nun, sagt Junker, viel Sex sei eigentlich eine "Erfindung der Frauen", nämlich um Kindesmord durch andere Geschlechtspartner zu vermeiden, die allen Nachwuchs töten, der nicht von ihnen selbst abstammt. (Auch hier wieder: Dahinter steckt eine evolutionäre Erklärung und nicht etwa die Unterstellung einer bewussten Verhaltensweise.) Das gibt es in der Tierwelt in der Tat häufiger. Dadurch dass die Weibchen zur selben Zeit Sex mit ganz vielen Männchen haben, können diese nicht wissen, ob von wem genau der Nachwuchs ist und unterlassen die Tötungen. Quasi in dubio pro reo. Auf Menschen lässt sich das aber nur schwer übertragen, da Kindesmord hier in diesen systematischen Ausmaßen nicht belegt ist - so Junker. Ihm zufolge ist die wahrscheinlichste These, dass der Sex eben zur Paarbindung dient. Womit er's doch noch so hingebogen kriegt, dass der Sex irgendwie zur Fortpflanzung dient - denn Paarbildung dient ja eigentlich auch nur zur Fortpflanzung bzw. Reproduktion.

Junker verschweigt aber nicht, dass es Biolog*innen gibt, die genau die oben genannte Paarbildungsthese in Frage gestellt und nachzuweisen versucht haben, dass Menschen früher eher nach Modell Bonobo gelebt haben. Diesen Wissenschaftler*innen hält Junker nun sein offensichtliches Lieblingsargument entgegen: Die Hodengröße. Denn, so Junker, es lässt sich eine Korrelation feststellen zwischen der Hodengröße von Primaten und ihrem Sexual- und Beziehungsverhalten. Kurz gesagt: Je größer der Hoden, desto mehr Sex. Junker: Die mit großem Hoden konkurrieren über Masse der Spermien, die mit kleinem Hoden über Körperkraft/-größe. Und dass Menschen nun relativ kleine Hoden hätten, zeige eben, dass Frauen auch in der Vergangenheit nicht viele wechselnde Sexualpartner gehabt hätten. Der kleine Hoden ist also quasi ein Resultat der Partnerwahl der Frauen. Junker schließt: "Die Paarbindung liegt also in der Natur des Menschen."

Das ist eigentlich ein schöner Moment. Denn er zeigt einmal wie man sich als Evolutionsbiologe selber reinlegen kann, aber auch, wieso Evolutionsbiologie vielleicht nicht automatisch deterministisch ist. Denn die Pointe an Junkers Satz - und ich bin mir ziemlich sicher, dass er das selber so nicht erkannt hat - ist eigentlich, dass die Paarbindung sich zwar (möglicherweise) im Körper des Menschen widerspiegelt, also gewissermaßen in seiner "Natur", dass es aber keine unveränderbare menschliche Natur gibt, die quasi unsere Essenz darstellt. Dass es also keine "Natur des Menschen" gibt. Denn der Umkehrschluss von Junkers Argumentationslinie ist: Hätten Frauen vor tausenden von Jahren ständig ihre Sexualpartner gewechselt, dann hätten Männer heute wahrscheinlich riesige Hoden. Und das bedeutet in der Quintessenz nichts Anderes, als dass soziale (und andere) Prozesse unsere biologische Verfasstheit formen können. Das ist im Grunde auch die Pointe an evolutionären Erklärungen: Es setzen sich diejenigen Gene (und die damit verknüpften Verhaltensweisen) durch, welche sich in einem bestimmten Umfeld am besten fortpflanzen. Mal abgesehen davon, wie sehr man daran glaubt, dass Gene Verhaltensweisen determinieren (und das ist ein wichtiger Zweifel!!), bedeutet das auch, dass sich z.B. ein hypothetisches Egoismus-Gen nicht automatisch gegen ein ebenso hypothetisches Altruismus-Gen durchsetzt. In einer sehr altruistischen Gesellschaft mag Egoismus zum Beispiel gemäß der Evolutionsargumentation die Chancen von Fortpflanzung verringern.

Ich sehe hier übrigens eine Parallele zum Konzept vom homo oeconomicus aus den Wirtschaftswissenschaften, welcher immer danach sucht, seinen Nutzen zu maximieren. Nutzen kann aber sehr viel bedeuten und zum Teil sogar konträre Dinge. Manche lieben Punk, andere können es nicht ausstehen. Manche empfinden Lust bei Schmerzen, andere nicht. Nutzenmaximierung ist also eigentlich ein leerer Begriff, wenn man den Kontext und die Präferenzen der betreffenden Menschen nicht kennt. Ähnlich in der Evolutionsbiologie: "survival of the fittest" sagt erstmal nicht so viel aus, denn wer oder was "fit" ist, hängt vom Kontext ab. Und so mag z.B. Paarbildung in manchen Gemeinschaften und Gesellschaften sehr viel "fitness" bedeuten, in anderen wiederum nicht.

An diesem Punkt angekommen, fragt man sich dann, warum eigentlich immer diese Jäger-und-Sammler-Analogien kommen, wenn es um Evolution geht. Das Argument der Biolog*innen ist, dass es sehr lange dauert, bis sich Gene verändern bzw. neue Genkonstellationen durchsetzen. Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber es geht dabei um wirklich sehr, sehr, sehr, sehr, seeehr viel Zeit. Eben mindestens ein Zeitraum von jetzt bis vor der Sesshaftigkeit der Menschen. Also mindestens um die 10.000 Jahre. Die Idee ist also, dass wir aus Genperspektive eigentlich noch so programmiert sind, wie es am nützlichsten für Jäger-und-Sammler-Gesellschaften vor zehntausenden von Jahren war. Keine Ahnung, wie gut das nachgewiesen ist, aber mich verleitet es zu dem Gedankenexperiment, was für Gene Menschen wohl hätten, wenn sie zehntausend Jahre in unserer heutigen Gesellschaft gelebt hätten.

Zum Abschluss möchte ich noch einen m.E. besonders absurden Moment aus der Sendung mit euch teilen, nämlich als Junker von Brüsten und Partnerwahl spricht. So wie das Sexualverhalten von Frauen für (verhältnismäßig) kleine Hoden verantwortlich sei, so sei das Partnerwahlverhalten von Männern dafür verantwortlich, dass Frauen überhaupt Brüste haben. Denn Brüste hätten ja gar keinen evolutionären Vorteil, das sehe man ja in der Tierwelt, wo es bloß Zitzen gäbe. Brüste hätten also alleine den Vorteil, dass Männer sie schön fänden und dementsprechend ihre Partnerinnen wählten. Wie aber die Evolution erklärt, dass Männer Brüste schön finden sollen, diese Erklärung bleibt Junker schuldig. Vielleicht sind die ja auch einfach nur einer dieser biologischen Zufälle, die gar keinen evolutionären Vorteil mit sich bringen, und uns erwartet eine brüstefreie Zukunft - wenn wir nicht vorher uns und unseren Planeten durch Klimawandel und Kriege zerstören. (Was dann übrigens aus evolutionärer Perspektive ein Argument wäre zu sagen, dass wir Menschen nicht sehr "fit" waren in unserer Umwelt.)