Wie eine linke Counterculture (wieder)beleben?

Bei Novara Media gibt es den sogenannten Acid Corbynism Podcast, auf den mich ein Freund hingewiesen hat. Hintergrund des Podcasts ist, grob zusammengefasst, die Idee, dass linke Kämpfe auch eine linke Gegenkultur brauchen, die sie begleitet. Und die Frage, wie eine solche Gegenkultur aussehen könnte, was ihre Ziele wären und wie sie zu erreichen wäre. Aber hört selber, was die Autor*innen über die Motive und Ziele des Podcasts sagen:

Besonders interessant fand ich den Gedanken, dass die Gegenkultur in den 60ern und 70ern versucht hätte, an post-capitalist desires anzuknüpfen - z.B. wird gesagt, dass die gay marriage als so etwas gesehen wurde, was sich dann als Fehleinschätzung herausgestellt habe - und die damit verbundene Frage, welche post-capitalist desires es eigentlich in der heutigen Gesellschaft gäbe, an die man in Form einer linken Gegenkultur anknüpfen könne?!

Ich habe inzwischen auch die Folge zu collective joy angefangen. Noch nicht zu Ende gehört, aber der Anfang bereits sehr vielversprechend. Ich sage ja seit Jahren, dass wir auf Demonstrationen und Streiks wieder singen sollten, wie die Wobblies. :) (Die Interventionistische Linke scheint das ja z.B. bei ihren Klima-Aktionen auch zum Teil schon zu tun.)

Kritik am Postkolonialismus

Inzwischen wird das Gespenst der Identitätspolitik oder das Gespenst des Postkolonialismus auch in politischen Kontexten, in denen ich mich bewege, heraufbeschworen und die Dringlichkeit, mit der diese Konzepte für Vieles verantwortlich gemacht werden, was in der Linken falsch läuft, macht diese Kritik für mich irgendwie suspekt. Ich frage mich: Konstruiert hier eine Riege von Kadern ein Strohmann-Argument, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen eine gewisse Kontrolle entgleitet, oder haben diese Konzepte auf irgendeine Weise wirklich eine abträgliche Wirkung auf linke Bewegungen?

Deutschlandfunk Kultur hat vor kurzem Vivek Chibber, der ein bekennender Kritiker des Postkolonialismus ist, interviewt:

Auf Deutsch (Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit):

Auf Englisch (Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit):

Chibber behauptet darin, dass ...

- Edward Said durch sein Buch Orientalism Grundlagen für Essentialisierung von Ost (Orientalismus) und West schafft, Grundlagen, welche er in demselben Buch offenlegt und kritisiert (z.B. unterstellt Chibber Said den Gedanken, dass es etwas im westlichen Geist sei, was ein Verständnis des Ostens verhindern würde).

- postkoloniale Theorie Kapitalismus für ein inadäquates Konzept halte, um den globalen Süden zu verstehen, obwohl die Theorie zugebe, dass der globale Süden in eine kapitalistische Welt "integriert" wurde.

- das Argument, nachdem man das Kapitalismuskonzept modifizieren müsste, um es auf den Globalen Süden anwenden zu können, keine großartige Einsicht darstelle - das sei selbstverständlich.

- das Argument, nachdem die ganze Idee vom Kapitalismus ein westliches Konzept sei und "östliche" Realitäten deshalb mit diesem Konzept nicht erfasst werden könnten, Nonsens sei (schließlich müssten auch die Menschen im Osten lohnarbeiten und die östlichen Eliten bestünden nicht aus Feudalherren, sondern aus Kapitaleigentümer*innen).

- dieses Argument zur Essentialisierung des Ostens beitragen würde (indem es sagen würde, dass der Osten fundamental verschieden vom Westen sei und man Kategorien wie Kapitalismus, Demokratie, Rationalität, Vernunft, Wissenschaft nicht auf den Osten anwenden könne).

- Postkolonialismus überhaupt die Ansicht wiederbelebt hätte, dass der Osten eine unveränderbare Realität wäre, die essentiell anders als der Westen sei.

- die Aufklärung zwar im Westen entstanden sei, dass ihre grundlegenden Ideen aber auch im Osten und östlicher Philosophie zu finden oder dieser sogar entnommen seien.

- das Konzept von Kapitalismus eine Art universale Essenz hat und dass das auch nicht kontrovers wäre (da jedes Konzept sowas wie essentialistische Kategorien hätte).

- aber die Idee grundsätzlich fehlerhaft sei, nach der marxistische Theorie oder andere aufklärerische Theorien, indem sie universalisierende Eigenschaften von Kapitalismus betonen, fortdauernde kulturelle und historische Unterschiede auf der Welt nicht anerkennen würden.

Was denkt ihr zu der Kritik am Postkolonialismus (oder zu der postkolonialen Kritik an aufklärerischen Konzepten)? Ist Chibbers Darstellung der postkolonialen Theorie und Kritik angemessen oder gibt er diese inakkurat wieder?