Das liegt ja nun spätestens seit den letzten US-Wahlen von 2016 in der Luft und schwingt seitdem in den Debatten über die Einmischung Russlands in westliche Wahlen mittels Trolls und Bots mit: Fake News sind die neue Demokratiegefahr. In Großbritannien diskutiert die Öffentlichkeit aktuell heftig über einen Bericht von Undercoveraktivitäten Russlands in Großbritannien. Den Inhalt kennen wir nicht, denn der Bericht ist bisher nicht veröffentlicht (und Kritiker*innen werfen der Johnson-Regierung vor, sie wolle diese Veröffentlichung bis nach den anstehenden Wahlen verzögern), aber es zeigt den Stellenwert, der solchen Aktivitäten inzwischen beigemessen wird. Facebook, Twitter und andere Social Media sind auch dauernd in den Medien, weil ihnen vorgeworfen wird, sie würden nicht genug gegen Hate Speech tun und somit indirekt zur Anstachelung von Hate Crime beitragen. Inzwischen hat Facebook eine "proaktive Herangehensweise" gegenüber Fake News und "gefährlichem Gedankengut" verkündet und seine Policies entsprechend verändert. Fake News wird also die Macht zugeschrieben, Menschen in ihrem Wahlverhalten zu manipulieren und/oder sie zu körperlicher Gewalt anzustacheln.

Mir begegnete dieses Phänomen zuletzt bei dem vielversprechenden jüngeren Podcastformat halbzehn.fm – Der Podcast für eine neue linke Politik!. In der aktuellen Folge über Bolivien, wo Anton Flaig erklärt, dass sich die Bevölkerung "durch Fake News für jeden Bullshit" manipulieren ließe, weil eben auch viele aus der Unterschicht kämen und dementsprechend noch nie in ihrem Leben eine Zeitung gelesen hätten ... daraufhin zieht er eine Parallele zu Lynchmorden in Indien, wo eine aufgebrachte Menge aufgrund von Fake News Angehörige einer pakistanischen Minderheit gefoltert und schließlich umgebracht hätten.

Jetzt frage ich mich: War das nicht schon immer so? Gab es nicht schon immer diesen Diskurs Verführung der Massen und z.B. Lynchmorde auf der Basis von Unwahrheiten? Die sogenannte Hexenjagd im Mittelalter - alles Schuld von Fake News?
Und ich frage mich: Sind die sogenannten Massen eigentlich so verführbar? Historisch gesehen ist das doch ein gefährlich vereinfachender und auch ein wenig ein elitärer Begriff, insbesondere wenn man damit die vermeintlich Ungebildeten meint. Es waren z.B. nicht vor allem die Ungebildeten, die Hitler gewählt haben, auch wenn die Mittelstandsthese zur Erklärung des Aufstiegs des Nationalsozialismus - unter anderem von Seymour Martin Lipset unter dem Begriff Extremismus der Mitte vertreten - inzwischen etwas relativiert wurde.

Ich will hier keinesfalls die Gefahr verharmlosen, die von Rechtsradikalen und Incels ausgeht, die sich im Internet durch Fake News gegenseitig aufstacheln, Stichwort Christchurch, Stichworte Halle, und viele andere. Aber ich bin ja immer ein bisschen skeptisch, wenn die Schuld auf Technologieentwicklung geschoben wird. Ideologien, welche Gewalt gegen Frauen, POCs und Schwarze, Andersdenkende, etc. propagieren, hat es immer schon gegeben und eine entsprechende Gewaltbereitschaft auch. Stellt sich also die Frage, ob das Internet und Social Media wirklich einen qualitativen Unterschied in der Verbreitung von Hass und in der Manipulation von Wahlverhalten bedeuten? Oder steckt dahinter letztendlich nur das alte Phänomen der Regression von Menschen in bestimmten Umständen in neuem Gewande? Dazu gibt es doch bestimmt Studien ...