Der Soziologe und Journalist Christopher Wimmer formulierte auf Twitter die Zuspitzung: "der 'pluralismus' im @ndaktuell [Neues Deutschland] geht offenbar so weit, dass es ein pro und contra zur wahl zwischen sozialistischer regierung und rechtem putsch gibt." In der Tat hat Katharina Schwirkus im Neuen Deutschland - quasi der Parteizeitung von Die Linke - die Meinung vertreten, dass der Rücktritt des ersten indigenen Staatsoberhauptes Boliviens (und Lateinamerikas?) Evo Morales zu begrüßen sei, "wenngleich er dazu gezwungen werden musste" und es nicht schön sei, wie er das tun musste. Christian Klemm hat in derselben Zeitung dagegen gehalten, dass das Ende der Präsidentschaft von Evo Morales "ein herber Rückschlag für die Linke in Lateinamerika" sei, gleich ob man dieses Ende nun als Putsch betitele oder nicht.

Als ich zuerst von dem Rückstritt hörte, war ich verwirrt. Im Nachhinein finde ich es interessant, dass auch meine erste Reaktion war: Evo Morales dürfte doch längst nicht mehr Präsident sein, nachdem er mehrfach die Verfassung gebeugt hat. Hat eine Weile gedauert, bis ich dank der Kommentartor*innen meines Vertrauens auch zu der eigentlich recht simplen Einsicht kam: Nur weil jemand die Verfassung beugt, legitimiert das noch lange keinen Putsch von rechts. Man kann also der Meinung sein (puh), dass Evo Morales vielleicht mal hätte abtreten sollen, dass aber an der Art und Weise, wie er abgetreten musste, alles falsch ist. Das dürfte einem besonders klar werden, wenn man sich mal anschaut, was da hochgespült wird: Die selbsternannte Interimspräsidentin Jeanine Añez z.B. zog mit der Bibel und den Worten "Wir bringen den Bibel in den Palast zurück" in den Präsidentenpalast ein. In einem inzwischen gelöschten Tweet von 2013 bezeichnete sie die Neujahrsfeier der indigenen Aymara, die in Bolivien ca. 25% der Bevölkerung stellen, als "satanisch". Sie ist Vertreterin der weißen Wirtschaftselite und kuschelt gerne mit erzkonservativen Abtreibungsgegnern. Dies und mehr findet man in der meines Erachtens ziemlich prägnanten und differenzierten Kurzanalyse der SWR-Korrespondentin Marie-Kristin Boese. Dort heißt es zum Abschluss:

"Zur Zukunft Boliviens sind viele Fragen offen. Etwa, ob Añez überhaupt legitimiert ist, eine Wahl ausrufen - und ob sie das Land stabilisieren kann. [...]. Die größte Sorge sei deshalb nicht, wer bei potenziellen Wahlen gewinnt, sondern ob es überhaupt zu einer transparenten Wahl kommt, sagt Politikwissenschaftler Stuenkel. Nicht auszuschließen, dass eine rechte Gruppierung das Momentum nutzt und sich an die Macht setzt. Das könnte - je nach Ausgang - für Bolivien dann doch einen Rückschritt bedeuten."

PS Man darf eben auch nicht vergessen, dass viele der rechten Gruppierungen in Bolivien, die nun an die Macht drängen, auch schon vor Morales' Verfassungsbeugungen versucht haben, ihn zu sabotieren, wo es nur ging, und dass sie die korrupten und rassistischen Regierungen unterstützt haben, die vor Morales an der Macht waren. Diese Regierungen kamen eben aus ihren Kreisen. Wenn sie nun also nach Demokratie schreien, dann sollte man das wohl mit großer Vorsicht genießen.