Nach der Thüringenwahl hab ich mich so ein bisschen durch die klassischen grau-weiß-farbigen infratest dimap Graphiken geklickt, die es immer vor dem blauen Tagesschau-Hintergrund auf wahl.tagesschau.de zu sehen gibt. Dabei stieß ich auch auf folgende:

Womit sich mir wieder die nicht mehr so neue Frage stellte, ob die rechtspopulistischen Einstellungen nicht doch insbesondere auf dem Boden ökonomischer Verwerfungen gewachsen und damit auf ökonomisch-soziale Probleme zurückzuführen sind. Denn diesem ökonomischen Erklärungsansatz für Rechtspopulismus wurde bisher häufig entgegen gehalten, dass es ja gar nicht die Arbeiter*innen seien, welche die AfD wählten. Thomas Lux beschrieb diese Posiition auf dem Blog des WSI der Boeckler-Stiftung so:

"Bis vor wenigen Monaten dominierte in dieser Diskussion die Sichtweise, dass eher die arrivierten Mittelschichtmilieus zur AfD neigen und die Abgehängten und Prekären seltener ihr Kreuz bei dieser Partei machen. Bildgewaltig wurde dann vom 'Aufstand der Etablierten' und vom 'Klassenkampf der Mitte' gesprochen und darauf hingewiesen, dass die Wahl der AfD nur wenig mit ökonomischer Deprivation zu tun hätte und folglich sozialpolitische Mittel gänzlich ungeeignet wären, um AfD-Wähler/innen zurückzugewinnen."

Wider dieser Einschätzung hat wohl unter Anderem der Politikwissenschaftler Philip Manow in seinem 2018 erschienenen Buch Politische Ökonomie des Populismus zu einer "Rehabilitierung der ins Hintertreffen geratenen ökonomischen Erklärungen" beigetragen. (Das Zitat stammt aus dem Abstract einer Kritik an Manow von Floris Biskamp, die ich noch nicht gelesen habe.) Auch der erwähnte Thomas Lux widerspricht der Idee eines Aufstands der Etablierten in seinem Blogbeitrag:

"Neuere Studien zeigen, dass Angehörige unterer Statuslagen besonders stark zur AfD neigen und dass sich diese Neigung unter anderem aus materiellen und symbolischen Abwertungserfahrungen ergibt."

Die Thüringenwahl scheint, diese Analyse auf den ersten Blick zu unterstützen. Aus der Ecke der Leipziger Autoritarismus-Studie wird aber, wenn ich das richtig verstanden habe, behauptet, dass dieser Eindruck täuscht. Zwar würden diese beiden Phänomene - untere Statuslage auf der einen Seite und Wahlneigung zur AfD auf der anderen Seite - verstärkt zusammen auftreten (sprich: bei denselben Individuen); aber, so der Soziologe Alexander Yendell nach der Thüringenwahl im Spiegel, es gebe keinen kausalen Zusammenhang, der die Grundlage für diese Korrelation darstellt:

"Wir haben durch repräsentative Umfragen eine ziemlich genaue Vorstellung von den Lebensumständen der AfD-Wähler und können berechnen, welche Faktoren es am wahrscheinlichsten machen, ob jemand rechts wählt oder nicht. Das Ergebnis: Arbeitslosigkeit und niedrige Einkommen spielen überhaupt keine Rolle. Wirtschaftliche Benachteiligung erklärt nicht den Erfolg der AfD."

Cornelia Koppetsch z.B. hat mit ihrem Bestseller Die Gesellschaft des Zorns (für das sie jetzt übrigens einen Plagiatsvorwurf am Hals hat) einen Erklärungsansatz vertreten, der sich wohl mehr auf kulturelle Entwicklungen denn auf ökonomische bezieht - hier ein Auszug aus einem Interview mit DLF Kultur:

"Das Interessante an den Anhängergruppen [der AfD] ist, dass man entgegen mancher Analysen feststellt, dass es sich bei ihnen eben nicht um ökonomische Verlierer allein handelt. Die übliche Klasseneinteilung, die man im Hinblick auch auf politische Mobilisierung und unterprivilegierte Milieus bis dato für gültig gehalten hatte, greift nicht mehr."

Sie hätten alle gemeinsam, auf die eine oder andere Weise Verlierer zu sein. Sie fänden sich mit Entgrenzungen bisher gültiger Kategorien wie der von Mann und Frau, Ernährer, Deutscher etc. genauso wenig zurecht wie mit den Veränderungen der Gesellschaft durch Migration einerseits und mit der Akzeptanz neuer Lebensstile insgesamt andererseits.

"Kurz: Sie alle verbindet, dass sie ihre bisherigen Privilegien bedroht sehen und sich im Hauptnarrativ der Gesellschaft nicht mehr wiederfinden."

Das ist ja übrigens auch keine neue Idee, sie wurde m.E. schon so ähnlich von Arlie Hochschild in ihrem Buch Strangers in Their Own Land: Anger and Mourning on the American Right über Unterstützer*innen der Tea Party in Louisiana entwickelt. Ich habe das Buch selbst nicht gelesen, aber was ich darüber gehört habe, deckt sich ganz gut mit der Zusammenfassung auf Wikipedia:

Why, she asks, do residents of the nation's second poorest state vote for candidates who resist federal help? [...] Her search for answers leads her to the concept of the "deep story." A deep story is a story that feels true about a highly salient feature of life. One takes facts out of a deep story. One takes moral precepts out of the deep story. What remains is simply what feels true about a highly salient issue, and can be described through a metaphor, as the experience of "waiting in line" for a valued reward, and witnessing unwelcome "line-cutters." Everyone, she argues, has a deep story - and for many on the right, it reflects a keen sense of decline, the sting of scorn, and sense of being a stranger in one's own land.

Die "line-cutters" sind hier natürlich Frauen, Migrant*innen, POCs und Schwarze, Queers, etc. und diejenigen "waiting in line" gehören zur von Koppetsch sogenannten "Querfront der Verlierer". Ob eher ökonomischer oder eher kultureller Erklärungsansatz für Rechtspopulismus - beide scheinen sich einig zu sein, dass es sich bei Wähler*innen, die zu Rechtspopulismus neigen, um Menschen handelt, die Erfahrungen von Statusverlust und/oder Abwertung in der Gesellschaft machen. In welchem Ausmaß diese Erfahrungen sich nun hauptsächlich auf die ökonomische Sphäre oder hauptsächlich auf die kulturelle Sphäre beziehen oder sogar auf beide zusammen, darüber scheinen sich die Autor*innen uneins zu sein. Für mich stellen sich in Anschluss daran folgende Fragen:

1. Woran liegt das, dass Wissenschaftler*innen zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen, obwohl sie alle versuchen, dasselbe Phänomen zu beschreiben? Ist das auf die Unterschiede in ihren Populismus-Konzepten & -Definitionen zurückzuführen? Oder ihr methodisches Vorgehen? (Wie wurde in der Leipziger Autoritarismus-Studie z.B. "berechnet", welche Faktoren es wahrscheinlich machen, ob jemand rechts wählt oder nicht?!) Oder lassen sich beide Erklärungsansätze doch kombinieren? (Z.B. über die Kategorie der gesellschaftlichen Verlierer*innen?!)

2. Wie stellen sich die Befunde in anderen Ländern und Bundesländern dar? Lassen sich die Befunde aus Deutschland und den USA aufeinander und auf andere Länder übertragen? Und wenn nicht so einfach, warum ist Rechtspopulismus in so vielen Ländern so sehr im Aufstieg begriffen? (Lässt sich das eigentlich auf Regionen eingrenzen? Europa, USA, Brasilien, ...?)