Das zusammenzubringen schafft die Dokumentation "Das Mädchen" im öffentlichen Fernsehen (fast).

Wer gegen den Staat geht, darf auch nichts vom Staat erwarten. Im Zeitalter der Menschenrechte mutet das totalitaristisch an: entweder Du bist für uns oder Du bist gegen uns – entweder Du bist Freund oder Du bist Feind. Menschen nach dieser Art in zwei Klassen einzuteilen, verfolgt uns immer noch, trotz des Humanismus, mit dem wir die ganze Welt beglücken wollen. Diese Idee hat unsere zeitgenössischen öffentlichen Diskurse noch nicht verlassen und macht hartnäckig seine Runden, zum Teil auf sehr subtile Weise.

Bowe Bergdahl - ein Feind?

Nicht so subtil sind die Versuche von Republikanern oder ihnen nahestehenden Persönlichkeiten, den US-Soldaten Bowe Bergdahl als Deserteur zu diskreditieren und so, neben dem Vorwurf an die Regierung, mit Terroristen verhandelt zu haben, seinen Austausch gegen fünf Guantanamo-Gefangene zu kritisieren. Die Republikaner appellieren hier an einen amerikanischen Patriotismus, der eng mit der Freund-Feind-Vorstellung zusammenhängt. Nur so lassen sich die heftigen Anschuldigungen und Drohungen gegen die Familie Bowe Bergdahls verstehen, denen sich diese seitdem ausgesetzt sieht. Dass die Republikaner nun behaupten, ihre Kritik hätte nichts mit dem Vorwurf der Fahnenflucht gegen Bergdahl zutun, ist Heuchelei. Als hätten sie nicht darauf spekuliert, dass die 'wahren' Patrioten denken: die demokratische US-Regierung tauscht einen Deserteur gegen fünf gefährliche Terroristen aus? - Skandal!

Menschenrechte für "Linksextremisten"? Der Fall Käsemann

Leider ist das nicht einfach nur mit Patriotismus zu erklären. In Deutschland kursiert dieselbe Idee, hier sind aber "Linksextremisten" diejenigen, für die Menschenrechte nicht im gleichen Maße zählen. Am vergangenen Donnerstag (5.6.) strahlte die ARD die Dokumentation "Das Mädchen" aus, in der das Versagen der BRD nachgezeichnet wird, die Folterung und standrechtliche Erschießung der deutschen Staatsbürgerin Elisabeth Käsemann in Argentinien während der Militärdiktatur (genauer: 1977) zu verhindern. (Käsemann hatte Pässe für Menschen gefälscht, die vor der Militärdiktatur fliehen wollten.) Die BRD wollte sich damals einfach nicht dazu durchringen, diplomatisch bei der argentinischen Regierung zu protestieren. Dabei wusste sie, dass Käsemann gefoltert wurde und noch am Leben war: eine Mitgefangene, die auf heftigen Protest der britischen Botschaft freigekommen war, war in New York direkt zu Amnesty International gegangen, um eine Zeugenaussage zu machen. Amnesty International wandte sich damit sofort an das deutsche Auswärtige Amt.

Die Gründe für diese Unterlassung sind im Nachhinein wahrscheinlich nicht im Detail zu bestimmen. Eine Art bürokratischer Schluder wird sich sicher eingeschlichen haben. Dann waren da noch die deutschen Waffenexporte an die argentinische Militärdiktatur, wirtschaftliche Beziehungen. Aber ein Grund war mit Sicherheit, und das geben die Beteiligten auch zu, dass Käsemann als Linksterroristin eingeschätzt wurde. Seinen Aussagen in der Dokumentation zufolge scheint Jörg Kastl, der deutsche Botschafter in Argentinien zur Zeit der Militärdiktatur, seinen Anteil daran gehabt zu haben. Außerdem wütete in Deutschland gerade die RAF.

Es ist traurig, wenn der einzige Lichtblick einer Dokumentation die Äußerungen von FDP-Politiker Gerhart Baum sind: "Die sogenannten Terroristen – oder die Widerstandskämpfer! – haben gegen eine Diktatur gekämpft." Denn das scheinen die beteiligten Personen immer noch nicht verstanden zu haben. Heute sagt der ehemals zuständige Staatssekretär und SPDler Klaus von Dohnanyi, er hätte damals einen Fehler gemacht, denn die Aktenlage hätte nun wirklich nicht ergeben, dass die Käsemann Terroristin gewesen sei. Da blitzt es wieder auf, das Freund-Feind-Bild, denn im Umkehrschluss bedeutet seine Aussage: wenn sie denn tatsächlich Terroristin gewesen wäre, dann wäre sie wohl im argentinischen Gefängnis richtig aufgehoben gewesen. So scheint das Auswärtige Amt damals auch gedacht zu haben und ist entsprechend untätig geblieben. Dass 'argentinisches Gefängnis im Jahr 1977' eben Folter bis zur Erschießung bedeutete, spielt nicht so die Rolle, wenn es um Linksterroristen geht, bietet sich da als Schluss an. Ach, die Menschenrechte!

Die unpolitische Politik des DFB - eine Politik des (Ver-)Schweigens

Der Deutsche Fußball Bund (DFB) kriegt im Film dann auch noch sein Fett weg. Denn während Käsemann im Gefängnis gefoltert wurde, fuhr die deutsche Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Argentinien. Ein Jahr später würde die Weltmeisterschaft in Argentinien stattfinden, die natürlich von der Militärjunta entsprechend inszeniert wurde. Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge, damalige Fußballnationalspieler, lassen sich im Film darüber aus, wie hinterhältig das gewesen sei, den Spielern nichts von der Käsemann zu erzählen – die DFB-Spitze wusste angeblich von dem Vorgang – und dass der DFB-Präsident, Hermann Neuberger, ein wirtschaftlich kalkulierender, herzloser Unternehmer gewesen sei. Dank der Prestigeträchtigkeit des Spiels für die Militärjunta hätte sich doch sicher was für die Käsemann unternehmen lassen. Die Selbstgerechtigkeit der Spieler lässt sich kaum ertragen. Obwohl ihnen, wie sie selber gerne mit Nachdruck berichten, durchaus klar war, dass die Militärdiktatur kein Zuckerschlecken für die argentinische Bevölkerung war und obwohl der Tod von Elisabeth Käsemann ein Jahr später längst bekannt war, sind sie ohne einen Mucks zu sagen 1978 zur WM gefahren, um der Militärjunta als willfährige Propagandaobjekte zu dienen. Ja, die Käsemann, das war eine Sauerei. Aber die mindestens 30.000 von der Diktatur ermordeten Argentinier*innen, für die haben sie sich wahrscheinlich nicht verantwortlich gefühlt. Im Mitleid hälts man dann doch lieber mit den Landsleuten.

Und der DFB hat auch nicht dazu gelernt. Wenn wir uns die Äußerungen Neubergers im Film anhören, dann klingt das nicht einen Deut anders, als wenn heute der Pressesprecher der deutschen Nationalmannschaft erklärt, dass sie das Banner "Kein Fußball den Faschisten" zur Hälfte verhängen, weil bei DFB-Veranstaltungen keine politischen Aussagen erwünscht seien. Aus der Politik hat sich der DFB schon bei der WM 1978 in Argentinien, das unter der Militärdiktatur ächzte, herausgehalten. Donnerstag beginnt die WM in Brasilien. Das ist zwar bei weitem keine Militärdiktatur, aber Landnahme und Vertreibungen, all die sozialen Probleme, die durch die WM in diesem Land verursacht wurden, waren bisher niemanden aus dem Umfeld der deutschen Nationalmannschaft eine Bemerkung wert. Und wird es auch nicht sein – allein die Vorstellung, wie Thomas Müller die erhöhten Mieten kritisiert, kommt mir wie schlechte Comedy vor. Fußball bleibt unpolitisch, gleich was für politische Konsequenzen er für die Menschen hat. Er hat das Freund-Feind-Bild längst überwunden: während die durch die WM landlos Gewordenen auf der Straße protestieren, verbreitet der institutionalisierte Fußball, in Form von DFB, FIFA und anderen Verbänden, 'No to Racism'-Gemeinplätze und immer wieder wiederholte Mantras von Verbundenheit und Zusammenhalt, wie auch in Shakiras WM-Song beschworen. Das ist absurd. Aber nur für die, die auch die Proteste der landlos Gewordenen sehen. Für alle anderen gibt es diese Landlosen nicht. Bei der WM gibt es nur Gewinner, über Verlierer wird in den Fußballverbänden nämlich geschwiegen.