Wie Anti-Faschismus politisch und Anti-Rassismus unpolitisch sein kann.

Inzwischen hat sich der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach beim FC St. Pauli entschuldigt. Das teilweise Abdecken des fast eine Tribüne langen Banners "Kein Fußball den Faschisten" durch grüne Plastikplanen, so dass nur noch "Kein Fußball" zu lesen war, beim Abschlusstraining der deutschen Nationalmannschaft im Millerntorstadion vor dem Länderspiel gegen Polen sei ein Fehler gewesen. Das hörte sich vor der Entschuldigung von höchster Stelle anders an. Der Pressesprecher der deutschen Nationalmannschaft teilte mit, "Kein Fußball den Faschisten" sei neutralisiert worden, weil "für alle DFB-Veranstaltungen [gelte], dass keine politischen Statements zu sehen sein dürfen." Im Informationsblatt 'Sicherheit' zum Länderspiel heißt es tatsächlich, verboten seien unter Anderem „werbende, kommerzielle, politische oder religiöse Gegenstände".

Dieses Verbot wirkt vor dem Hintergrund absurd, dass der DFB sich seit dem Amtsantritt von Theo Zwanziger verstärkt gegen Rassismus und Homophobie engagiert, mit einer eigenen Kampagne, dem Julius Hirsch Preis, Podiums- und Gedenkveranstaltungen, Workshops usw. Im deutschsprachigen öffentlichen Gebrauch werden Rassismus und Faschismus häufig als Synonyme benutzt. Dementsprechend wurde dem DFB zum Teil vorgeworfen, das Abdecken des Banners sei eine widersprüchliche Handlung gewesen. Das kaschiert aber meines Erachtens, dass das Abdecken des Banners auf eine tiefliegendere Problematik im Fußball verweist.

Wenn wir nämlich annehmen, dass Faschismus und Rassismus zwar häufig zugleich auftretende, aber unterschiedliche Dinge bezeichnen und dass Faschismus politisch ist, Anti-Rassismus aber nicht, dann löst sich auch der Widerspruch auf. [1] Ich denke, dass das eine Position ist, die tatsächlich von den meisten größeren Fußballverbänden vertreten wird, von der FIFA, über die UEFA bis zum DFB hinab. Belegen kann das niemand, weil diese Verbände sich nie zu der Motivation für ihren Anti-Rassismus äußern, sondern ihn als eine gebotene Position annehmen. Aber die Annahme des unpolitischen Anti-Rassismus macht das Verhalten der Verbandsoffiziellen plausibel. Die Entschuldigung Niersbachs ist demnach eher gerichtet an jene, die Faschismus und Rassismus mehr oder weniger als Synonyme benutzen, nicht an jene, die Anti-Rassismus als politische Haltung begreifen. Das Plakat hätte demnach nicht abgedeckt werden sollen, weil auch der DFB gegen "jede Form von Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder Homophobie" eintritt. Faschismus fällt, nach Niersbach, entweder unter Rassismus oder unter 'Diskriminierung'.

Faschismus als 'Diskriminierung' zu begreifen ist natürlich eine Verharmlosung, aber es würde widerspiegeln, was anscheinend das gedankliche Fundament vom unpolitischen Anti-Rassismus ist: gleich, welche Politik ‚die da oben‘ betreiben - beim (Fußball-)Spiel soll sich kein Individuum, weder Spieler*innen noch Zuschauer*innen, in seinen (Menschen-)Rechten eingeschränkt fühlen. Es geht darum, dass zwischen Mensch und Mensch nichts als ein ‚sportlicher Wetteifer‘ herrscht, dass keine*r ‚sich auf die Füße getreten fühlt‘. Entsprechend findet sich auch in der FIFA-Resolution von 2013, dass es vor allem darum gehe, einem jedem beim Fußball involvierten Menschen die menschliche Würde zu gewährleisten. Faschismus als politische Idee hingegen ist in dieser Sicht erstmal ein (Staats-)System oder eine (Staats-)Ideologie, die sozusagen über der zwischenmenschlichen Ebene steht, und also nicht oder nur sehr mittelbar assoziiert ist mit dem, was zwischen zwei Menschen passiert, die sich z.B. auf dem Fußballfeld begegnen.

Wir finden hier also eine liberal-bürgerliche Weltauffassung in ihrer Reinform. Der moderne Staat gewährt in dieser Auffassung allen Bürger*innen ihre (Menschen-)Rechte, hält sich aber sonst aus allem heraus. Solange sich also im Stadion jede*r gemäß der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verhält, gibt es auch keinen Grund Politik mit Sport zu vermischen. [2] Problematisch daran sind nicht die Werte, die die Verbände vertreten. Nein, das Hochhalten der Menschenwürde und Einsatz gegen Diskriminierung jeder Art sind äußerst begrüßenswert. Das Problem ist vielmehr, dass es natürlich kein faschistisches System gibt, indem alle Menschen nett zueinander sind. Das würde sicher auch kein Verbandsoffizieller behaupten, aber die Zuspitzung verweist darauf, dass die zwischenmenschliche Ebene immer von der politischen Ebene, zumindest potenziell, beeinflusst ist. Diese Einsicht verdanken wir den Feminist*innen, die gezeigt haben, dass das Private auch (irgendwie) politisch ist. Im politischen Faschismus gibt es keine Menschenwürde. Wer sich also für die Menschenwürde einsetzt, ist gegen den Faschismus als politisches Phänomen.

Das Abdecken von "Kein Fußball den Faschisten" ist also eine plausible Folge des unpolitischen Anti-Rassismus des DFB, aber die Position des unpolitischen Anti-Rassismus selbst ist inkohärent. Menschen vertreten häufig inkohärente Positionen - im Falle der Fußballverbände liegt es aber nahe anzunehmen, dass sie auch ein geschäftliches Motiv treibt. Wer sich Fußball(schauen) als Produkt einkauft, verspricht sich davon ein ungetrübtes Vergnügen. Damit es auch ungetrübt bleibt, so scheinen heutzutage viele zu denken, muss es von Politik und politischen Auseinandersetzungen freigehalten werden. Warum wären sonst in dem erwähnten Informationsblatt Sicherheit religiöse Gegenstände, Regenschirme und Vermummungen verboten, wenn es nur darum ginge, dass alle freundlich zueinander sind?

[1] Ich denke, es ist nicht schwer zu argumentieren, dass Faschismus und Rassismus unterschiedliche Phänomene bezeichnen, die sich jedoch sehr begünstigen und oft ergänzen. Ich möchte das an dieser Stelle nicht ausführen, aber als gutes Indiz mag vielleicht gelten, dass es Rassismus auch schon im Feudalismus und früher gegeben hat, während Faschismus ohne die moderne Staatsidee nicht denkbar wäre.

[2] Interessant ist in diesem Zusammenhang die DFB-Broschüre gegen Extremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Hier heißt es, den Rechtsradikalismus trenne vom Rechtsextremismus, dass er sich im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewege.