Ein Beitrag zu Über Ökonomie denken – Ökonomie überdenken, ein Symposium organisiert von kritischen Studierenden, das am 12. und 13.09.2013 in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin stattfand.

Erzähl' einem Ökonomen ’was von Gleichheit und er wird dir mit "allgemein verwertbarem Humankapital" kommen.

Erzähl' einer Linken 'was von Modellen und sie wird dir etwas über den "Verdinglichungscharakter kapitalistischer Produktionsverhältnisse" erzählen.

Sieben Gründe warum wir nach dem Symposium mehr darüber wissen, weshalb Ökonomen und Linke aneinander vorbeireden. Schon vorweg: Der Ökonom (fn1) ist weitestgehend schuld. Aber die Linke (fn2) macht auch nicht den besten Eindruck:

Erster Grund: Ein Ökonom strotzt nur so vor Arroganz und Egozentrik. Ob die Linke ihm darin unterlegen ist, scheint mir jedoch zweifelhaft. Zumindest hat sie noch nicht die Taktik gefunden, den Ökonomen in die Bredouille zu bringen, außer mit überheblichen und zum Teil wenig durchdachten Phrasen. Während die Linke "Was Sie sagen ist ungerecht!" schreit, erwidert der Ökonom, wenn er denn überhaupt auf das Argument seiner Kritikerin eingeht, dass er dafür nichts könne, er würde ja nur anhand von Fakten kausale Zusammenhänge erschließen und damit aufzeigen, welche Konsequenzen bestimmte politische und wirtschaftliche Entscheidungen haben.

Während die Linke also von einer gerechten Gesellschaft redet, klopft sich der Ökonom selbst auf die Schulter, dass die Fakten auf seiner Seite sind. Durch die Überzeugung von seiner Profession und die Verliebtheit in sein Fach können nur alle Argumente, die nicht in sein Denkmuster fallen, an ihm abprallen. Normativität hin oder her, das sei eben nicht sein Feld.

Zweiter Grund: Dem Ökonomen geht es also um "Fakten". Meistens wird dieses (Un-)Wort im Zusammenhang mit kontrafaktischen Analysen gebraucht. Abstrakt formuliert handelt es sich um die Art von Aussagen "Wenn x nicht eingetreten wäre, hätte dies nicht die Konsequenz y zur Folge gehabt.". Wenn die Linke moniert, dass die Agenda 2010 zutiefst ungerecht sei, wird der Ökonom erwidern, dass das zwar sein mag, aber die Konsequenzen, hätte es sie nicht gegeben, von einem solchen Ausmaß gewesen wären, dass Deutschlands wirtschaftliche Lage der heutigen Spaniens oder Griechenlands ähneln würde.

Die Hauptproblematik besteht bei dieser Argumentation darin, dass der Ökonom mal wieder nicht in der Lage ist, die Ergebnisse seiner Untersuchungen richtig zu interpretieren. Wenn er sagt, dass eine bestimmte (wirtschaftspolitische) Handlung und nur diese Handlung eine bestimmte Konsequenz nach sich ziehen konnte, dann ist dies schlicht eine Behauptung, die weder beweisbar noch sehr plausibel ist. (fn3) Eine simple Analogie soll das verdeutlichen: Zwar ist es richtig, dass, wenn ich einem Ökonomen mit der Nadel nicht ins Bein gepiekst hätte, er auch keinen Schmerz empfunden hätte. Das heißt aber nicht, dass ich nicht genauso mit einer Gabel ihm Schmerzen hätte zufügen können. Der Schmerz des Ökonomen hätte somit unterschiedliche Ursachen haben können.

Der Ökonom tischt uns hier also Alternativlosigkeiten auf, die in Wahrheit gar keine sind. Dies hat für uns wiederum gravierende Folgen, denn wer kommt nicht ins Grübeln, wenn einem gesagt wird, ohne die Agenda 2010 gäbe es heute eine Arbeitslosigkeit von 18-20 Prozent! Dass diese Zahlen also auf einer Prognose beruhen, die als solche immer ungewiss ist – und sich die Neoklassik in den letzten vierzig Jahren ihres monumentalen Bestehens mit ihren Prognosen nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat – sollte uns endgültig stutzig machen. (fn4)

Doch der Ökonom rühmt sich weiterhin, dass er mit seinen Modellen eine Exaktheit erreicht, von der die anderen Geisteswissenschaften nur träumen können. Innerhalb dieser zwei Tage sollte uns jedoch eines zumindest klar geworden sein: Die Modelle, mit denen Ökonomen hantieren, sind alles andere als exakt. (fn5)

Dritter Grund: Auch interessant ist, dass der Ökonom seinen Popper gelesen hat und diesen stammtischgerecht zu einem x-beliebigen Zeitpunkt herunterbeten kann, ihn jedoch wissenschaftlich nur halbherzig anwendet. Strenggenommen müssten nach Falsifizierung seine gesamten ökonomischen Ergebnisse, da sie auf simplifizierten, meist falschen oder uneindeutigen Annahmen beruhen, unter einen Tisch gekehrt werden. (fn6) Nach Popper können wir nämlich von der Falschheit einer Annahme nur auf eine Falschheit innerhalb der Theorie (oder des Modells) schließen. Damit würde dem Ökonomen jedoch seine gesamte Grundlage unter den Füßen weggezogen.

Das heißt jedoch nicht, dass Poppers Ideen nicht in abgeschwächter Form weiter in der Ökonomie Anwendung finden können; dies allerdings nur mit deutlichen Einschränkungen. Die große Wissenschaftlichkeit der Ergebnisse des Ökonomen ist nachträglich getrübt und wenn er das endlich einsieht, ist ein Weg für Alternativen gebahnt.

Den Ökonomen kümmert das alles jedoch nicht weiter, weshalb er sich nicht scheut, mit seinem Popper kritische Meinungen zum Schweigen zu bringen. Wie bei der Paneldiskussion am letzten Abend, als der Ökonom auf die Frage eines Studenten, wie er es sich erklären könne, dass es in der VWL keine andere Lehre außer der Neoklassik gäbe, antwortete: "Kennen Sie Popper? Schlechte Ideen sterben aus!"

Oder er redet sich damit raus, dass die Lehrenden durch die wenigen Lehrstühle jetzt schon überfordert seien. Wie soll da noch alternative Lehre angeboten werden können! Natürlich müssen wir ihm da Recht geben: Wer die meisten Lehraufgaben (wie Tutorien und Übungen) an Mitarbeiter*innen outsourct, die sich für einen schlechten Lohn dafür ausbeuten lassen, muss es schon schwer haben, sich zweimal die Woche in den Vorlesungssaal oder Seminarraum zu schleppen und seine Modelle von vor dreißig Jahren zum Besten zu geben. Er würde jetzt vielleicht erwidern, dass dies nicht seine Schuld sei, er hätte ja nicht die Gelder gestrichen. Soweit so gut, aber wann hat er sich ernsthaft darüber beschwert!

Vierter Grund: Interessant ist auch die generelle Einstellung des Ökonomen, dass er sich nicht mit der Kritik an seinem Fach auseinanderzusetzen braucht und wenn er es doch tut, jede Kritik haargenau in seiner Sprache zu präsentieren sei. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn der Dekan einer Wiwi-Fakultät sagt, er hätte keine dezidierte Meinung zu Modellen, auch wenn er sie eigentlich haben sollte (Lachen), aber er würde es doch begrüßen, wenn er die Kritik an ökonomischen Modellen selbst als Modell präsentiert bekäme; mit dem Nachsatz, dass er wohl wüsste, wie arbeitsintensiv das werden würde. Wow, rhetorische Raffinesse gepaart mit überzeugender Inhaltsleere. Wenigstens wissen wir jetzt, wie ideologische Verblendung funktioniert und fragen uns leider immer noch, warum schlechte Ideen in der Geschichte einfach nicht aussterben.

Fünfter Grund: Natürlich nervt die Linke auch, wenn sie vom Kapital und von Widersprüchen spricht und davon, dass dieser ganze Konsum eh schlecht sei, weil wir uns von uns selbst entfremden würden. Was das allerdings sein soll, von dem wir uns da entfernen, konnte sie mir bis jetzt auch nicht sagen. Und wie eine "total andere Gesellschaft" aus unserer Situation heraus zu erreichen ist, ist alles andere als eine leichte Frage. Hier muss man dem Ökonomen Recht geben, dass er mehr Realismus beweist, als die linke Studierende, weil er pragmatisch sein will und Forschung betreibt, die politische Relevanz hat.

Sechster Grund: Doch gibt es nicht den Pragmatismus, sondern entweder guten oder schlechten. Und der Ökonom stellt als Vertreter des letzteren das andere Extrem dar. Während die Linke wenigstens noch Ideale vertritt, begnügt sich der Ökonom damit, einen Blick auf das Machbare und Durchsetzbare zu bewahren. Seiner Meinung nach braucht man sich nicht mit Utopien auseinandersetzen, da sie eh nicht realisierbar seien. Vielmehr geht es um das Schaffen von "Anreizen", um Änderungen zu erzielen. Dieser Begriff ist für die Linke meist schon ein Übel an sich. Dabei müsste sie sich selbst eingestehen, dass allein der Glaube an einen vollkommen guten Menschen ihn noch nicht gut macht. Der Ökonom wiederum will uns seit über hundert Jahren weiß machen, es gäbe so etwas wie einen perfekt rationalen Menschen, der auf Indifferenzkurven seinen Nutzen maximieren möchte.

Doch zeigen wir einmal Realismus und nehmen den Menschen so wie er ist, als nicht nur eigeninteressiert, aber auch als keinen reinen Altruisten. Auf dieser Grundlage sollte die Linke endlich einsehen, dass zum Erreichen einer Gesellschaft, in der mehr Gleichheit existiert, nun mal auch das Schaffen von Anreizen für diese dazugehört. Denn solange die Linke in ihren Irrtümern tappt, verkauft uns der Ökonom folgende Variante für (s)eine bessere Gesellschaft: Sie müsse eigentlich nur eins sein, nämlich produktiv, denn Produktivität sei für alle gut. Sein Lieblingsmittel hierfür ist die Deregulierung des Marktes, damit dieser seine magischen Kräfte entfalten kann. Und was dahinter steht sind fast immer Privatisierung, Lohnkürzungen, Lockerungen der Tarifverträge etc.

Eine ganze Palette von alternativen Handlungen und Wirtschaftsformen wird vom Ökonomen entweder gar nicht erst zur Kenntnis genommen oder aber ignoriert. Er tut so, als wäre er der einzige, der sich in den letzten vierzig Jahren mit Wirtschaftsphänomenen auseinandergesetzt hat. Wir wissen: Das ist falsch!

Siebter Grund: Interessant ist auch, wie Nationalismus in die Sphäre der VWL Einzug findet. Jetzt wird Deutschland gelobt und vor den "Chinesen" und "Indern" gewarnt, die uns das Leben schwer machen könnten, wenn wir nicht gut – d.h. so wie der Ökonom das will – auf diese Konkurrenz reagieren. Dabei geht es dann um die Wahrung "deutscher (und damit unser aller) Wirtschaftsinteressen", ohne dass überhaupt gefragt wird, was diese sind, wem sie dienen und wem nicht.

Außerdem gehe es Deutschland aus eigener Kraft heraus gut, denn "unsere Väter" hätten da was Feines für uns aufgebaut. Und "Wir" hätten dies jetzt weiterzuführen, damit Deutschland wirklich die Nummer Eins in Europa bleibt. Auch hier fragt man sich, ob nicht zwei Semester Geschichte obligatorisch für den Ökonomen sein sollten, dass uns solche Äußerungen endlich erspart bleiben können. Im Gegenteil gibt es andere wesentliche Faktoren, die Deutschlands wirtschaftliche Lage wesentlich plausibler erklären können, als die platten Behauptungen des Ökonomen, wie z.B. der Marshall-Plan nach dem zweiten Weltkrieg oder "wage repressions" als wesentlicher Faktor für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. (fn7)

Fazit:

Gegen den Ökonomen: Das Schlimmste am Ökonomen ist noch nicht einmal, dass er uns einen schlechten Positivismus verkaufen möchte. Sondern, dass seine moralischen Äußerungen genauso zu Wünschen übrig lassen. Meistens hören wir dann so Sätze wie "Wir dürfen nicht alles schlecht reden" und "Noch nie ging es uns so gut wie heute". ("... dank der Ökonomie", würde er noch am liebsten sagen, aber das verkneift er sich dann doch!) Ob er sich einfach nicht für die Probleme dieser Welt interessiert oder aber sie einfach nur ausblenden will... Manchmal glaube ich, der Ökonom lebt einfach auf ’nem ander’n Stern.

Für die Linke: Rein in die Wiwi-Fakultät. Je mehr von uns, desto gründlicher kann der Laden endlich aufgemischt werden. Besetzen ist auch immer 'ne Möglichkeit. Allerdings möchte ich davor warnen, da es gut sein kann, dass die Wirtschaftsstudierenden die ersten sind, die uns dann raus schmeißen möchten. Denn von irgendwoher wird der Ökonom ja rekrutiert...
Und mehr Pragmatismus, bitte! Dann hat der Ökonom bald verloren...


(fn1) Ich habe das generische Maskulin gewählt, weil die meisten Ökonomen und vor allem die, von denen ich hier spreche, männlich sind.
(fn2) Ich habe die generische weibliche Form gewählt; damit sind dennoch alle Menschen gemeint, die sich als links bezeichnen, ob Mann, Frau, Queer, Trans, Inter etc.
(fn3) Weitere wichtige Punkte nennt N. Cartwright in ihrem Aufsatz „Counterfactuals in Economics: A Commentary”. http://philpapers.org/rec/CARCIE
(fn4) Es sei hier u.a. auf J. Elsters Aufsatz „Hard and Soft Obscurantism in the Humanities and Social Sciences“ verwiesen. http://philpapers.org/rec/ELSHAS
(fn5) C.P. Ortlieb kritisiert z.B., dass der Ökonom mathematische Modelle falsch gebraucht u.a. in „Markt-Märchen: Zur Kritik der neoklassischen akademischen Volkswirtschaftslehre und ihres Gebrauchs mathematischer Modelle”. http://www.math.uni-hamburg.de/home/ortlieb/
(fn6) Vgl hierzu das Unterkapitel 4.1 Popperian Apporaches des Stanfordartikels Philosophy of Economics http://plato.stanford.edu/entries/economics/
(fn7) Hierzu sei u.a. der Artikel von C. Dumas „Germany’s ‘competitiveness’ derives from wage repression“ genannt. http://www.ft.com/intl/cms/s/0/4f7656de-3a25-11e0-a441-00144feabdc0.html...