Roboterkommunismus in Chile

Alle reden über Corona und das ist auch gar nicht schlecht, schließlich ist es eine niedagewesene Situation in der heutigen Zeit. Und wir sollten uns alle in der gegenwärtigen Krise mit denen solidarisieren, die es am härtesten trifft, und uns vorbereiten auf die nächste Krise des Kapitalismus, die bereits vor der offenen Tür steht. In Berlin haben jetzt 17 Organisationen, Gruppen und Initiativen eine Erklärung mit Forderungen an die Politik und Forderungen zum Selbstorganisieren unter dem Hashtag #jetzterstrecht veröffentlicht.

Aber in so einem historischen Moment lohnt es vielleicht, auch in die Geschichte zurückzuschauen für Inspiration oder einfach nur aus Neugier. Dafür empfehle ich den folgenden Podcast über das Projekt CyberSyn unter dem sozialistischen Präsidenten von Chile, Salvador Allende, der demokratisch gewählt war und dann durch einen, von den USA unterstützten Militärputsch beseitigt wurde. Einigen ist der General Pinochet vielleicht ein Begriff, der daraufhin über 17 Jahre eine Diktatur errichtete, die alle politisch Andersdenkenden mit aller Härte verfolgte und den Klassenkampf von oben auf extreme Weise umsetzte.

Teil 1:

Und der zweite Teil:

Das Projekt CyberSyn war quasi der Versuch, die sozialistische Planwirtschaft durch sowas wie machine learning realisierbar zu machen. In den 70ern! Die mitunter sehr erheiternden O-Töne, die Kreativität angesichts politischer Widrigkeiten und der visionäre Geist der Beteiligten macht dieses Feature sehr hörenswert (auch wenn fast ausschließlich alte Männer zu Wort kommen).

Mein Lieblingszitat kommt von Oscar Gardiola-Rivera, der Internationale Beziehungen an der University of London unterrichtet. Als er beschreiben soll, warum Allende von den Rechten und den USA als so gefährlich angesehen wurde, sagt er: "Unlike Fidel Castro, he does not look like a socialist. [...] This guy [Allende] is a bonvivant, with very, very fashionable glasses, who looks very well, dresses very well, loves wine, loves women - so he's at the same time a socialist AND a democrat." :D So 'sieht' man also als Demokrat aus. Man möchte fast sagen: Wenn Männer über Männer reden ...

Wer das Lied sucht, was am Ende des Features gespielt wird - es heißt Volver a los 17 von Violeta Parra und wurde unter Pinochet verboten:

Wie eine linke Counterculture (wieder)beleben?

Bei Novara Media gibt es den sogenannten Acid Corbynism Podcast, auf den mich ein Freund hingewiesen hat. Hintergrund des Podcasts ist, grob zusammengefasst, die Idee, dass linke Kämpfe auch eine linke Gegenkultur brauchen, die sie begleitet. Und die Frage, wie eine solche Gegenkultur aussehen könnte, was ihre Ziele wären und wie sie zu erreichen wäre. Aber hört selber, was die Autor*innen über die Motive und Ziele des Podcasts sagen:

Besonders interessant fand ich den Gedanken, dass die Gegenkultur in den 60ern und 70ern versucht hätte, an post-capitalist desires anzuknüpfen - z.B. wird gesagt, dass die gay marriage als so etwas gesehen wurde, was sich dann als Fehleinschätzung herausgestellt habe - und die damit verbundene Frage, welche post-capitalist desires es eigentlich in der heutigen Gesellschaft gäbe, an die man in Form einer linken Gegenkultur anknüpfen könne?!

Ich habe inzwischen auch die Folge zu collective joy angefangen. Noch nicht zu Ende gehört, aber der Anfang bereits sehr vielversprechend. Ich sage ja seit Jahren, dass wir auf Demonstrationen und Streiks wieder singen sollten, wie die Wobblies. :) (Die Interventionistische Linke scheint das ja z.B. bei ihren Klima-Aktionen auch zum Teil schon zu tun.)

Wenn Rechte Bier trinken

Manchmal kann ein bisschen Lachen ja schlicht erleichternd sein. BellTower hat eine kleine Zusammenstellung rechter Absurditäten veröffentlicht. Von den rechten Rappern die trotz ihrer angeblichen Abneigung gegen alle Rauschmittel dem Bier frönen, dem Versuch eine rechte Datin-App auf den Markt zu bringen und weiterem.

Liebe und Evolution

Neulich lief in Dlf Nova folgender Podcast mit dem Titel Die Biologie der glücklichen Liebe:

Es handelt sich dabei weitestgehend um den Vortrag von Thomas Junker, der als Biologiehistoriker vorgestellt wird. Darin versucht Junker im Grunde eine evolutionäre Erklärung dafür darzulegen, warum Menschen (verhältnismäßig) monogam sind, wenige Kinder kriegen und trotzdem (verhältnismäßig) viel Sex haben. Für mich ein optimaler Anlass, um mal ein bisschen was über Evolution zu schreiben. (Ich werde im Folgenden häufig von "Frauen" und "Männern" schreiben. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass das im Podcast so gemacht wird. Wissenschaftlich lässt sich diese geschlechtliche Zweiteilung nicht wirklich aufrechterhalten.)

Die Kombination von Monogamie, (mehr oder weniger) regelmäßig Sex und wenig Kindern mag auf den ersten Blick wenig rätselhaft sein. Für die Evolutionstheorie ist sie das aber! Denn Evolutionstheorie geht grob gesagt davon aus, dass sich in der Biologie alles nach Fortpflanzung und Reproduktion richtet. Unter dieser Prämisse lassen sich erstmal zwei Szenarios in Bezug auf Monogamie, Sex und Kinder vorstellen: Entweder wir kriegen wenig Kinder (vielleicht weil anstrengend) und haben dementsprechend wenig Sex, denn Sex dient ja der Fortpflanzung. Monogamie könnte dann z.B. Sinn machen, weil wir hätten sowieso wenig Sex. Nach Junker, der viel mit Menschenaffen vergleicht, könnte man sagen: Modell Gibbon. ODER wir haben viel Sex, um möglichst viel Nachwuchs zu zeugen und dementsprechend auch ständig wechselnde Partner. Modell Bonobo. ABER verhältnismäßig viel Sex - zum Vergleich: wenn man Junker glauben darf, haben Gibbons ca. sechsmal Sex im Leben oder so -, wenig Kinder und Monogamie, das lässt sich unter Gesichtspunkten der Fortpflanzung schwieriger erklären. Oh. Mein. Gott. Hat Sex vielleicht gar nicht so viel mit Fortpflanzung zu tun??!!

Ok, aber wie funktioniert evolutionäre Theorie eigentlich? Ein hypothetisches Beispiel: Nehmen wir mal an, es gäbe ein Egoismus-Gen und ein Altruismus-Gen. Das Egoismus-Gen führt dazu, dass die Männer, die es besitzen, sich nur um ihren eigenen Nachwuchs kümmern. Die "altruistischen Männer" kümmern sich um ihren eigenen Nachwuchs, aber auch teilweise um den von anderen Männern. Insgesamt kriegen also die Kinder von egoistischen Männern im Durchschnitt mehr Fürsorge und wir können aus biologischer Perspektive annehmen, dass im Durchschnitt auch mehr von ihnen überleben oder dass sie zumindest mehr Fortpflanzungschancen haben, da mehr Ressourcen zur Verfügung. Wenn wir weiter annehmen, dass alle Kinder das Egoismus- bzw. das Altruismus-Gen von ihrem Vater übernehmen, dann folgt daraus auch, dass die Zahl der egoistischen Söhne im Vergleich zu den Söhnen mit altruistischem Gen immer weiter ansteigt - wenn es nicht irgendwelche Faktoren gibt, die wie ein Gegengewicht wirken. Irgendwann gibt es nur noch egoistische Männer: Das altruistische Gen stirbt aus.

Das ist jetzt sehr vereinfacht dargestellt, aber so ungefähr funktionieren evolutionäre Erklärungen von Phänomenen. Junker erwähnt im Podcast die Größe von männlichen See-Elefanten. Sie sind im Verhältnis zu weiblichen See-Elefanten fast doppelt so groß. Eine evolutionäre Erklärung wäre, dass die See-Elefanten-Männchen viel um ihren "Harem" kämpfen müssen. Wer größer ist, gewinnt mehr Kämpfe, kann häufiger seinen Harem behalten und sich also auch häufiger fortpflanzen. Unter dem Nachwuchs haben also mehr Jungtiere seine Gene, als von kleineren Konkurrenten. So setzen sich Größe-Gene dann in der Population der See-Elefanten durch - es gibt einfach mehr Jungtiere, die Nachwuchs von großen See-Elefanten sind.

Zurück zum Menschen. Junker hat da so ein paar populärwissenschaftliche Formulierungen, die er sichtlich mit gewissem Genuss vorbringt. Zum Beispiel: Paarbindung ist eigentlich eine "Erfindung der Männer". Das Publikum ist nun gebannt. Wie das? Das entsteht, erklärt Junker, wenn Männchen so weite Strecken zwischen potenziellen Fortpflanzungspartnerinnen zurücklegen müssen, dass es sich lohnt, einfach bei einer zu bleiben. An dieser Stelle muss man Acht geben und sich erinnern, dass man mit einem Evolutionstheoretiker spricht. Das heißt, hinter der Formulierung "sich lohnen" steckt nicht die Idee einer bewussten Kalkulation von Seiten des Männchens, sondern eine evolutionäre Erklärung: Aufgrund der weiten Strecken können sich die Männchen, die bei ihrer Partnerin bleiben, häufiger oder erfolgreicher fortpflanzen, als diejenigen, die herumstreifen. Wie sich seine Erklärung auf die Menschen übertragen lässt, erläutert Junker nicht weiter. Damit das aber funktioniert, muss man sich eigentlich vorstellen, dass Frauen vereinzelt z.B. in weiter voneinander entfernten Höhlen lebten und die Männer zwischen diesen Höhlen umherstreiften. Das passt zwar nicht ganz zu dem Steinzeitbild von Menschen, die in Gruppen herumstreiften, und erinnert eher an Maulwürfe, Füchse oder Bären, aber wer weiß schon, was da vor zehntausenden von Jahren so los war, nicht wahr?! Vielleicht stammen wir ja auch gar nicht von den Affen ab, sondern von Maulwürfen, damit ließe sich evolutionär auch leichter unser Kellerbau erklären ...

So, Paarbindung ist erklärt. Fehlen noch Kinder und Sex. Kinderaufziehung ist unter Primaten aufwendig, da lässt sich also nicht so viel dran schrauben. (Was übrigens ein anderes, aber nicht zwingendes Argument für Paarbindung ist, das auch Junker nennt.) Warum also der (verhältnismäßig) viele Sex. Nun, sagt Junker, viel Sex sei eigentlich eine "Erfindung der Frauen", nämlich um Kindesmord durch andere Geschlechtspartner zu vermeiden, die allen Nachwuchs töten, der nicht von ihnen selbst abstammt. (Auch hier wieder: Dahinter steckt eine evolutionäre Erklärung und nicht etwa die Unterstellung einer bewussten Verhaltensweise.) Das gibt es in der Tierwelt in der Tat häufiger. Dadurch dass die Weibchen zur selben Zeit Sex mit ganz vielen Männchen haben, können diese nicht wissen, ob von wem genau der Nachwuchs ist und unterlassen die Tötungen. Quasi in dubio pro reo. Auf Menschen lässt sich das aber nur schwer übertragen, da Kindesmord hier in diesen systematischen Ausmaßen nicht belegt ist - so Junker. Ihm zufolge ist die wahrscheinlichste These, dass der Sex eben zur Paarbindung dient. Womit er's doch noch so hingebogen kriegt, dass der Sex irgendwie zur Fortpflanzung dient - denn Paarbildung dient ja eigentlich auch nur zur Fortpflanzung bzw. Reproduktion.

Junker verschweigt aber nicht, dass es Biolog*innen gibt, die genau die oben genannte Paarbildungsthese in Frage gestellt und nachzuweisen versucht haben, dass Menschen früher eher nach Modell Bonobo gelebt haben. Diesen Wissenschaftler*innen hält Junker nun sein offensichtliches Lieblingsargument entgegen: Die Hodengröße. Denn, so Junker, es lässt sich eine Korrelation feststellen zwischen der Hodengröße von Primaten und ihrem Sexual- und Beziehungsverhalten. Kurz gesagt: Je größer der Hoden, desto mehr Sex. Junker: Die mit großem Hoden konkurrieren über Masse der Spermien, die mit kleinem Hoden über Körperkraft/-größe. Und dass Menschen nun relativ kleine Hoden hätten, zeige eben, dass Frauen auch in der Vergangenheit nicht viele wechselnde Sexualpartner gehabt hätten. Der kleine Hoden ist also quasi ein Resultat der Partnerwahl der Frauen. Junker schließt: "Die Paarbindung liegt also in der Natur des Menschen."

Das ist eigentlich ein schöner Moment. Denn er zeigt einmal wie man sich als Evolutionsbiologe selber reinlegen kann, aber auch, wieso Evolutionsbiologie vielleicht nicht automatisch deterministisch ist. Denn die Pointe an Junkers Satz - und ich bin mir ziemlich sicher, dass er das selber so nicht erkannt hat - ist eigentlich, dass die Paarbindung sich zwar (möglicherweise) im Körper des Menschen widerspiegelt, also gewissermaßen in seiner "Natur", dass es aber keine unveränderbare menschliche Natur gibt, die quasi unsere Essenz darstellt. Dass es also keine "Natur des Menschen" gibt. Denn der Umkehrschluss von Junkers Argumentationslinie ist: Hätten Frauen vor tausenden von Jahren ständig ihre Sexualpartner gewechselt, dann hätten Männer heute wahrscheinlich riesige Hoden. Und das bedeutet in der Quintessenz nichts Anderes, als dass soziale (und andere) Prozesse unsere biologische Verfasstheit formen können. Das ist im Grunde auch die Pointe an evolutionären Erklärungen: Es setzen sich diejenigen Gene (und die damit verknüpften Verhaltensweisen) durch, welche sich in einem bestimmten Umfeld am besten fortpflanzen. Mal abgesehen davon, wie sehr man daran glaubt, dass Gene Verhaltensweisen determinieren (und das ist ein wichtiger Zweifel!!), bedeutet das auch, dass sich z.B. ein hypothetisches Egoismus-Gen nicht automatisch gegen ein ebenso hypothetisches Altruismus-Gen durchsetzt. In einer sehr altruistischen Gesellschaft mag Egoismus zum Beispiel gemäß der Evolutionsargumentation die Chancen von Fortpflanzung verringern.

Ich sehe hier übrigens eine Parallele zum Konzept vom homo oeconomicus aus den Wirtschaftswissenschaften, welcher immer danach sucht, seinen Nutzen zu maximieren. Nutzen kann aber sehr viel bedeuten und zum Teil sogar konträre Dinge. Manche lieben Punk, andere können es nicht ausstehen. Manche empfinden Lust bei Schmerzen, andere nicht. Nutzenmaximierung ist also eigentlich ein leerer Begriff, wenn man den Kontext und die Präferenzen der betreffenden Menschen nicht kennt. Ähnlich in der Evolutionsbiologie: "survival of the fittest" sagt erstmal nicht so viel aus, denn wer oder was "fit" ist, hängt vom Kontext ab. Und so mag z.B. Paarbildung in manchen Gemeinschaften und Gesellschaften sehr viel "fitness" bedeuten, in anderen wiederum nicht.

An diesem Punkt angekommen, fragt man sich dann, warum eigentlich immer diese Jäger-und-Sammler-Analogien kommen, wenn es um Evolution geht. Das Argument der Biolog*innen ist, dass es sehr lange dauert, bis sich Gene verändern bzw. neue Genkonstellationen durchsetzen. Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber es geht dabei um wirklich sehr, sehr, sehr, sehr, seeehr viel Zeit. Eben mindestens ein Zeitraum von jetzt bis vor der Sesshaftigkeit der Menschen. Also mindestens um die 10.000 Jahre. Die Idee ist also, dass wir aus Genperspektive eigentlich noch so programmiert sind, wie es am nützlichsten für Jäger-und-Sammler-Gesellschaften vor zehntausenden von Jahren war. Keine Ahnung, wie gut das nachgewiesen ist, aber mich verleitet es zu dem Gedankenexperiment, was für Gene Menschen wohl hätten, wenn sie zehntausend Jahre in unserer heutigen Gesellschaft gelebt hätten.

Zum Abschluss möchte ich noch einen m.E. besonders absurden Moment aus der Sendung mit euch teilen, nämlich als Junker von Brüsten und Partnerwahl spricht. So wie das Sexualverhalten von Frauen für (verhältnismäßig) kleine Hoden verantwortlich sei, so sei das Partnerwahlverhalten von Männern dafür verantwortlich, dass Frauen überhaupt Brüste haben. Denn Brüste hätten ja gar keinen evolutionären Vorteil, das sehe man ja in der Tierwelt, wo es bloß Zitzen gäbe. Brüste hätten also alleine den Vorteil, dass Männer sie schön fänden und dementsprechend ihre Partnerinnen wählten. Wie aber die Evolution erklärt, dass Männer Brüste schön finden sollen, diese Erklärung bleibt Junker schuldig. Vielleicht sind die ja auch einfach nur einer dieser biologischen Zufälle, die gar keinen evolutionären Vorteil mit sich bringen, und uns erwartet eine brüstefreie Zukunft - wenn wir nicht vorher uns und unseren Planeten durch Klimawandel und Kriege zerstören. (Was dann übrigens aus evolutionärer Perspektive ein Argument wäre zu sagen, dass wir Menschen nicht sehr "fit" waren in unserer Umwelt.)

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Im Übrigen kommt der Gedanke, dass die Bedeutung von "survival of the fittest" vom Kontext abhängt, natürlich nicht von mir, sondern wurde schon von Zeitgenossen Darwins entwickelt, insbesondere von dem Anarchisten Peter Kropotkin. In seinem Werk Mutual Aid (gegenseitige Hilfe) beschreibt er, welche Lebewesen in der Geschichte und in der Natur die besten Überlebens- und Reproduktionschancen, also fitness, haben.

Und es sind nicht die, die ruchlos nach ihrem persönlichen Vorteil streben. Sondern die, die sich am besten auf die gegenseitige Hilfe verstehen. Wie das Prinzip des Einander-Unterstützens das Leben in all seinen Erscheinungsformen prägt und bedingt, legt Kropotkin ebenso schwungvoll wie geduldig dar: erst für die "Tierwelt", mit einer Fülle von Beispielen, teilweise aus seiner eigenen Forschung, von Termiten und Bienen über sibirische Hirsche und südamerikanische Vizcachas bis hin zu den Schimpansen (und besonders schöne Abschnitte sind den Kranichen und den Papageien gewidmet); und im zweiten Teil des Buchs für die "Menschenwelt", von der Steinzeit über das Mittelalter bis ans Ende des 19. Jahrhunderts.

Das Zitat stammt aus einem kürzlichen Zeitartikel über Kropotkin und welche Lehren wir aus seinen Gedanken für die aktuelle Corona-Krise ziehen können.

Gleich in welcher Epoche, immer stellen die Verbünde, in denen sich Menschen zu gegenseitiger Hilfe zusammenschließen, das Überleben und die Entwicklung der Gruppe und später das Gedeihen der Gesellschaft sicher. Erst war es der Clan, dann die "Dorfmark", im Mittelalter die freie Stadt mit ihren Gilden und zu Kropotkins eigener Zeit die Unzahl der Kooperativen, Vereine und Gewerkschaften.

Kropotkin wird zitiert mit den Worten:

Indessen waren zu keiner Zeit der Existenz von Menschen Kriege der normale Zustand des Lebens. Während die Krieger sich gegenseitig ausrotteten und die Priester ihre Gemetzel segneten und feierten, währenddessen setzten die Massen ihr tägliches Leben fort.

Und der Autor des Artikels, Michael Ebmeyer, schließt den Artikel mit den Worten:

Ihre Analysen [von Anarchist*innen] bieten das beste Rüstzeug dafür, dass nach Corona eben nicht wieder alles wird wie zuvor. Und mit etwas Glück helfen sie uns in den nächsten Monaten zu vermeiden, dass die in einem kollektiven Akt der gegenseitigen Hilfe vorerst abgewandte Katastrophe uns mit Verzögerung doch noch ereilt.

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Das ist nun wirklich ein super unterhaltsamer Kommentar zu dem Podcast. Ich frage mich manchmal, ob es tatsächlich die teilweise ja sehr kompliziert daher kommende Wissenschaft ist, wie sie sich in Fachpublikationen findet, oder ob es die Popularisierung dieser Wissenschaft, wie auch in solchen Podcasts, ist, die diese merkwürdig auffälligen Widersprüche hervorrufen. Es ließen sich da verschiedene Möglichkeiten denken. Entweder die populäre Verbreitung bringt etwas deutlicher hervor, was in den naturwissenschaftlichen Fachpublikationen oftmals implizit bleibt, weil es oftmals mathematische oder andere Modelle sind, die andere Vorannahmen mehr oder weniger unsichtbar machen, oder es gibt tatsächlich einen Übergang oder Bruch zwischen den Fachpublikationen und den Verallgemeinerungen.
Hier noch ein kurzer Artikel über einen wunderbaren Kommentar aus einem Facebookfeed, der nochmal die falschen Annahmen bezüglich biologischer Zweigeschlechtlichkeit auseinander genommen hat, aus naturwissenschaftlicher Perspektive.

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Das mit dem Übergang von Fachpublikationen zu Populärpublikationen und die Frage, ob die Widersprüche sich schon in der Wissenschaft finden oder erst durch den Übergang so ein Bruch entsteht, ist wirklich eine sehr interessante Frage. Ich kann da zur Evolutionsbiologie keine Antwort geben, weil ich mich nicht in den verschiedenen Fachdiskursen auskenne. Bei gegenwärtigen Wirtschaftswissenschaften scheint mir es jedoch relativ eindeutig, dass sich diese Widersprüche bereits in den Fachpublikationen finden und sie in diesen bloß implizit bleiben, weil es bereits so einen breiten Konsens über bestimmte Grundannahmen gibt. (Bis auf sogenannte "heterodoxe" Wirtschaftswissenschaften natürlich, welche diese Grundannahmen in Frage stellen und deshalb so heißen.) Ich denke aber schon, dass dieses Konzept von "survival of the fittest" als Konzept, in dem die Umwelt entscheidend für "fitness" ist, in populärwissenschaftlichen Publikationen mitunter auf verfälschende Weise vereinfacht wird.

Der Artikel über die falschen Annahmen bzgl. biologischer Zweigeschlechtlichkeit, den Du verlinkt hast, Andreas, gefällt mir richtig gut! Ich hatte mal gehört, es gäbe 5 Faktoren für die Bestimmung des "biologischen Geschlechts" bei Menschen (Geschlechtsteile, Hormone, Gene, Chromosome und Organe?!), die nicht übereinstimmen müssen und dann eben auch unterschiedliche "biologische Geschlechter" beim selben Menschen ausweisen können. Ich weiß nicht, ob das so stimmt, aber der Artikel zeigt super, wie uneindeutig "biologisches Geschlecht" im Sinne unterschiedlicher Faktoren eigentlich sein kann!

Abgeschoben in die Illegalität

Manche Zustände auf dieser Welt sind so verkorkst, dass man das Gefühl bekommt, der Teufel hat versucht, eine Komödie zu schreiben, wobei dann natürlich eine Tragödie herauskommt:

2 nigerianische Studenten fliegen zu universitären Tischtennismeisterschaften nach Kroatien.

Auf der Straße werden sie von der kroatischen Polizei kontrolliert.

Anstatt die Studenten zum Hotel zu begleiten, wo deren Pässe mit den kroatischen Visa sich befinden, werden sie sofort nach Bosnien-Herzegowina abgeschoben.

Von dort können sie nicht nach Nigeria zurückreisen, weil sie dank der Abschiebung ILLEGAL in Bosnien-Herzegowina sind.

Nur dass es natürlich nicht sowas Metaphysisches wie den Teufel für solche einen Plot braucht, sondern nur das europäisches Asylregime und eine Portion Rassismus.

"Stiftungen fördern soziale Ungleichheit"

Aus einem taz-Artikel mit dem Titel "Arbeiterkind bleibt Arbeiterkind" von November:

"Nach einer Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) sind nur 33 Prozent der Stipendiaten und Stipendiatinnen Arbeiterkinder, wie Nichtakademikerkinder auch genannt werden. Das sind Zahlen von 2008, aber Recherchen der taz haben ergeben, dass die Stipendien im Schnitt unverändert sozial ungleich verteilt sind."

"Zum Vergleich: Nach Zahlen des aktuellen Bildungsberichts der Bundesregierung hat bei immerhin 47 Prozent der Studierenden an Universitäten und Fachhochschulen keiner der beiden Elternteile einen akademischen Abschluss. Aber auch damit sind Nichtakademikerkinder an den Universitäten und Fachhochschulen unterrepräsentiert: Ihr Anteil an der gesamten Altersgruppe liegt bei 72 Prozent."

"Nach den Zahlen reproduzieren die meisten Stiftungen nicht nur die soziale Ungleichheit, sondern verstärken sie unter ihren Geförderten weiter."

Und dazu noch diese hübsche Graphik aus demselben Artikel:

"In der Grafik ist die Hans-Böckler-Stiftung irrtümlicherweise nicht aufgeführt). [Sie] kommt auf 58 Prozent."

Erinnert mich an das Werk Die Illusion der Chancengleichheit von Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron aus den 70ern. Darin wurde die These aufgestellt, dass das Bildungswesen soziale Ungleichheiten und Klassenprivilegien nicht etwa abbaut, sondern sie erhält, indem es den Anschein vermittelt, dass alle die gleichen Chancen hätten. Die Auslese aufgrund allgemeiner Leistungskriterien ist aber nach Bourdieu und Passeron ein Schein, denn die höhere Bildung setzt immer schon die Beherrschung kultureller Techniken voraus, die vor allem jenen von Kindesbeinen an mitgegeben wird, deren Eltern bereits Akademiker*innen sind. Die Forderungen nach mehr sozialer Teilhabe werden so durch eine vermeintliche Meritokratie beantwortet - wer sich anstrengt, kann aufsteigen -, die aber de facto eine Aristokratie reproduziert.

"Da das System nicht explizit liefert, was es verlangt, verlangt es implizit, daß seine Schüler bereits beherrschen, was es nicht liefert: eine Sprache und Kultur, die außerhalb der Schule durch unmerkliche Familiarisierung gleichzeitig mit der entscheidenden Einstellung zur Sprache und Kultur ausschließlich auf diese Weise erworben werden kann."

Ein Aspekt davon wird auch in dem taz-Artikel aufgegriffen:

"Die Stiftungen wenden drei Kriterien an: Begabung, Persönlichkeit und gesellschaftliches Engagement. [...] Hinter vorgehaltener Hand sagen einige Vertreter der Stiftungen, dass unter 'Engagement' zu lange einseitig deren bildungsbürgerliche Variante belohnt wurde. Zugespitzt sind etwa die Klassiker im linksliberalen Bürgertum eine Mitgliedschaft bei Amnesty International, das Mitmachen in der Theater-AG der Schule und nach dem Abitur ein Jahr Entwicklungshilfe in Afrika, für die meistens sogar noch Geld bezahlt werden muss. Kinder aus Arbeiterhaushalten haben meistens gar nicht das Kapital."

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