Liebe und Evolution

Neulich lief in Dlf Nova folgender Podcast mit dem Titel Die Biologie der glücklichen Liebe:

Es handelt sich dabei weitestgehend um den Vortrag von Thomas Junker, der als Biologiehistoriker vorgestellt wird. Darin versucht Junker im Grunde eine evolutionäre Erklärung dafür darzulegen, warum Menschen (verhältnismäßig) monogam sind, wenige Kinder kriegen und trotzdem (verhältnismäßig) viel Sex haben. Für mich ein optimaler Anlass, um mal ein bisschen was über Evolution zu schreiben. (Ich werde im Folgenden häufig von "Frauen" und "Männern" schreiben. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass das im Podcast so gemacht wird. Wissenschaftlich lässt sich diese geschlechtliche Zweiteilung nicht wirklich aufrechterhalten.)

Die Kombination von Monogamie, (mehr oder weniger) regelmäßig Sex und wenig Kindern mag auf den ersten Blick wenig rätselhaft sein. Für die Evolutionstheorie ist sie das aber! Denn Evolutionstheorie geht grob gesagt davon aus, dass sich in der Biologie alles nach Fortpflanzung und Reproduktion richtet. Unter dieser Prämisse lassen sich erstmal zwei Szenarios in Bezug auf Monogamie, Sex und Kinder vorstellen: Entweder wir kriegen wenig Kinder (vielleicht weil anstrengend) und haben dementsprechend wenig Sex, denn Sex dient ja der Fortpflanzung. Monogamie könnte dann z.B. Sinn machen, weil wir hätten sowieso wenig Sex. Nach Junker, der viel mit Menschenaffen vergleicht, könnte man sagen: Modell Gibbon. ODER wir haben viel Sex, um möglichst viel Nachwuchs zu zeugen und dementsprechend auch ständig wechselnde Partner. Modell Bonobo. ABER verhältnismäßig viel Sex - zum Vergleich: wenn man Junker glauben darf, haben Gibbons ca. sechsmal Sex im Leben oder so -, wenig Kinder und Monogamie, das lässt sich unter Gesichtspunkten der Fortpflanzung schwieriger erklären. Oh. Mein. Gott. Hat Sex vielleicht gar nicht so viel mit Fortpflanzung zu tun??!!

Ok, aber wie funktioniert evolutionäre Theorie eigentlich? Ein hypothetisches Beispiel: Nehmen wir mal an, es gäbe ein Egoismus-Gen und ein Altruismus-Gen. Das Egoismus-Gen führt dazu, dass die Männer, die es besitzen, sich nur um ihren eigenen Nachwuchs kümmern. Die "altruistischen Männer" kümmern sich um ihren eigenen Nachwuchs, aber auch teilweise um den von anderen Männern. Insgesamt kriegen also die Kinder von egoistischen Männern im Durchschnitt mehr Fürsorge und wir können aus biologischer Perspektive annehmen, dass im Durchschnitt auch mehr von ihnen überleben oder dass sie zumindest mehr Fortpflanzungschancen haben, da mehr Ressourcen zur Verfügung. Wenn wir weiter annehmen, dass alle Kinder das Egoismus- bzw. das Altruismus-Gen von ihrem Vater übernehmen, dann folgt daraus auch, dass die Zahl der egoistischen Söhne im Vergleich zu den Söhnen mit altruistischem Gen immer weiter ansteigt - wenn es nicht irgendwelche Faktoren gibt, die wie ein Gegengewicht wirken. Irgendwann gibt es nur noch egoistische Männer: Das altruistische Gen stirbt aus.

Das ist jetzt sehr vereinfacht dargestellt, aber so ungefähr funktionieren evolutionäre Erklärungen von Phänomenen. Junker erwähnt im Podcast die Größe von männlichen See-Elefanten. Sie sind im Verhältnis zu weiblichen See-Elefanten fast doppelt so groß. Eine evolutionäre Erklärung wäre, dass die See-Elefanten-Männchen viel um ihren "Harem" kämpfen müssen. Wer größer ist, gewinnt mehr Kämpfe, kann häufiger seinen Harem behalten und sich also auch häufiger fortpflanzen. Unter dem Nachwuchs haben also mehr Jungtiere seine Gene, als von kleineren Konkurrenten. So setzen sich Größe-Gene dann in der Population der See-Elefanten durch - es gibt einfach mehr Jungtiere, die Nachwuchs von großen See-Elefanten sind.

Zurück zum Menschen. Junker hat da so ein paar populärwissenschaftliche Formulierungen, die er sichtlich mit gewissem Genuss vorbringt. Zum Beispiel: Paarbindung ist eigentlich eine "Erfindung der Männer". Das Publikum ist nun gebannt. Wie das? Das entsteht, erklärt Junker, wenn Männchen so weite Strecken zwischen potenziellen Fortpflanzungspartnerinnen zurücklegen müssen, dass es sich lohnt, einfach bei einer zu bleiben. An dieser Stelle muss man Acht geben und sich erinnern, dass man mit einem Evolutionstheoretiker spricht. Das heißt, hinter der Formulierung "sich lohnen" steckt nicht die Idee einer bewussten Kalkulation von Seiten des Männchens, sondern eine evolutionäre Erklärung: Aufgrund der weiten Strecken können sich die Männchen, die bei ihrer Partnerin bleiben, häufiger oder erfolgreicher fortpflanzen, als diejenigen, die herumstreifen. Wie sich seine Erklärung auf die Menschen übertragen lässt, erläutert Junker nicht weiter. Damit das aber funktioniert, muss man sich eigentlich vorstellen, dass Frauen vereinzelt z.B. in weiter voneinander entfernten Höhlen lebten und die Männer zwischen diesen Höhlen umherstreiften. Das passt zwar nicht ganz zu dem Steinzeitbild von Menschen, die in Gruppen herumstreiften, und erinnert eher an Maulwürfe, Füchse oder Bären, aber wer weiß schon, was da vor zehntausenden von Jahren so los war, nicht wahr?! Vielleicht stammen wir ja auch gar nicht von den Affen ab, sondern von Maulwürfen, damit ließe sich evolutionär auch leichter unser Kellerbau erklären ...

So, Paarbindung ist erklärt. Fehlen noch Kinder und Sex. Kinderaufziehung ist unter Primaten aufwendig, da lässt sich also nicht so viel dran schrauben. (Was übrigens ein anderes, aber nicht zwingendes Argument für Paarbindung ist, das auch Junker nennt.) Warum also der (verhältnismäßig) viele Sex. Nun, sagt Junker, viel Sex sei eigentlich eine "Erfindung der Frauen", nämlich um Kindesmord durch andere Geschlechtspartner zu vermeiden, die allen Nachwuchs töten, der nicht von ihnen selbst abstammt. (Auch hier wieder: Dahinter steckt eine evolutionäre Erklärung und nicht etwa die Unterstellung einer bewussten Verhaltensweise.) Das gibt es in der Tierwelt in der Tat häufiger. Dadurch dass die Weibchen zur selben Zeit Sex mit ganz vielen Männchen haben, können diese nicht wissen, ob von wem genau der Nachwuchs ist und unterlassen die Tötungen. Quasi in dubio pro reo. Auf Menschen lässt sich das aber nur schwer übertragen, da Kindesmord hier in diesen systematischen Ausmaßen nicht belegt ist - so Junker. Ihm zufolge ist die wahrscheinlichste These, dass der Sex eben zur Paarbindung dient. Womit er's doch noch so hingebogen kriegt, dass der Sex irgendwie zur Fortpflanzung dient - denn Paarbildung dient ja eigentlich auch nur zur Fortpflanzung bzw. Reproduktion.

Junker verschweigt aber nicht, dass es Biolog*innen gibt, die genau die oben genannte Paarbildungsthese in Frage gestellt und nachzuweisen versucht haben, dass Menschen früher eher nach Modell Bonobo gelebt haben. Diesen Wissenschaftler*innen hält Junker nun sein offensichtliches Lieblingsargument entgegen: Die Hodengröße. Denn, so Junker, es lässt sich eine Korrelation feststellen zwischen der Hodengröße von Primaten und ihrem Sexual- und Beziehungsverhalten. Kurz gesagt: Je größer der Hoden, desto mehr Sex. Junker: Die mit großem Hoden konkurrieren über Masse der Spermien, die mit kleinem Hoden über Körperkraft/-größe. Und dass Menschen nun relativ kleine Hoden hätten, zeige eben, dass Frauen auch in der Vergangenheit nicht viele wechselnde Sexualpartner gehabt hätten. Der kleine Hoden ist also quasi ein Resultat der Partnerwahl der Frauen. Junker schließt: "Die Paarbindung liegt also in der Natur des Menschen."

Das ist eigentlich ein schöner Moment. Denn er zeigt einmal wie man sich als Evolutionsbiologe selber reinlegen kann, aber auch, wieso Evolutionsbiologie vielleicht nicht automatisch deterministisch ist. Denn die Pointe an Junkers Satz - und ich bin mir ziemlich sicher, dass er das selber so nicht erkannt hat - ist eigentlich, dass die Paarbindung sich zwar (möglicherweise) im Körper des Menschen widerspiegelt, also gewissermaßen in seiner "Natur", dass es aber keine unveränderbare menschliche Natur gibt, die quasi unsere Essenz darstellt. Dass es also keine "Natur des Menschen" gibt. Denn der Umkehrschluss von Junkers Argumentationslinie ist: Hätten Frauen vor tausenden von Jahren ständig ihre Sexualpartner gewechselt, dann hätten Männer heute wahrscheinlich riesige Hoden. Und das bedeutet in der Quintessenz nichts Anderes, als dass soziale (und andere) Prozesse unsere biologische Verfasstheit formen können. Das ist im Grunde auch die Pointe an evolutionären Erklärungen: Es setzen sich diejenigen Gene (und die damit verknüpften Verhaltensweisen) durch, welche sich in einem bestimmten Umfeld am besten fortpflanzen. Mal abgesehen davon, wie sehr man daran glaubt, dass Gene Verhaltensweisen determinieren (und das ist ein wichtiger Zweifel!!), bedeutet das auch, dass sich z.B. ein hypothetisches Egoismus-Gen nicht automatisch gegen ein ebenso hypothetisches Altruismus-Gen durchsetzt. In einer sehr altruistischen Gesellschaft mag Egoismus zum Beispiel gemäß der Evolutionsargumentation die Chancen von Fortpflanzung verringern.

Ich sehe hier übrigens eine Parallele zum Konzept vom homo oeconomicus aus den Wirtschaftswissenschaften, welcher immer danach sucht, seinen Nutzen zu maximieren. Nutzen kann aber sehr viel bedeuten und zum Teil sogar konträre Dinge. Manche lieben Punk, andere können es nicht ausstehen. Manche empfinden Lust bei Schmerzen, andere nicht. Nutzenmaximierung ist also eigentlich ein leerer Begriff, wenn man den Kontext und die Präferenzen der betreffenden Menschen nicht kennt. Ähnlich in der Evolutionsbiologie: "survival of the fittest" sagt erstmal nicht so viel aus, denn wer oder was "fit" ist, hängt vom Kontext ab. Und so mag z.B. Paarbildung in manchen Gemeinschaften und Gesellschaften sehr viel "fitness" bedeuten, in anderen wiederum nicht.

An diesem Punkt angekommen, fragt man sich dann, warum eigentlich immer diese Jäger-und-Sammler-Analogien kommen, wenn es um Evolution geht. Das Argument der Biolog*innen ist, dass es sehr lange dauert, bis sich Gene verändern bzw. neue Genkonstellationen durchsetzen. Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber es geht dabei um wirklich sehr, sehr, sehr, sehr, seeehr viel Zeit. Eben mindestens ein Zeitraum von jetzt bis vor der Sesshaftigkeit der Menschen. Also mindestens um die 10.000 Jahre. Die Idee ist also, dass wir aus Genperspektive eigentlich noch so programmiert sind, wie es am nützlichsten für Jäger-und-Sammler-Gesellschaften vor zehntausenden von Jahren war. Keine Ahnung, wie gut das nachgewiesen ist, aber mich verleitet es zu dem Gedankenexperiment, was für Gene Menschen wohl hätten, wenn sie zehntausend Jahre in unserer heutigen Gesellschaft gelebt hätten.

Zum Abschluss möchte ich noch einen m.E. besonders absurden Moment aus der Sendung mit euch teilen, nämlich als Junker von Brüsten und Partnerwahl spricht. So wie das Sexualverhalten von Frauen für (verhältnismäßig) kleine Hoden verantwortlich sei, so sei das Partnerwahlverhalten von Männern dafür verantwortlich, dass Frauen überhaupt Brüste haben. Denn Brüste hätten ja gar keinen evolutionären Vorteil, das sehe man ja in der Tierwelt, wo es bloß Zitzen gäbe. Brüste hätten also alleine den Vorteil, dass Männer sie schön fänden und dementsprechend ihre Partnerinnen wählten. Wie aber die Evolution erklärt, dass Männer Brüste schön finden sollen, diese Erklärung bleibt Junker schuldig. Vielleicht sind die ja auch einfach nur einer dieser biologischen Zufälle, die gar keinen evolutionären Vorteil mit sich bringen, und uns erwartet eine brüstefreie Zukunft - wenn wir nicht vorher uns und unseren Planeten durch Klimawandel und Kriege zerstören. (Was dann übrigens aus evolutionärer Perspektive ein Argument wäre zu sagen, dass wir Menschen nicht sehr "fit" waren in unserer Umwelt.)

Abgeschoben in die Illegalität

Manche Zustände auf dieser Welt sind so verkorkst, dass man das Gefühl bekommt, der Teufel hat versucht, eine Komödie zu schreiben, wobei dann natürlich eine Tragödie herauskommt:

2 nigerianische Studenten fliegen zu universitären Tischtennismeisterschaften nach Kroatien.

Auf der Straße werden sie von der kroatischen Polizei kontrolliert.

Anstatt die Studenten zum Hotel zu begleiten, wo deren Pässe mit den kroatischen Visa sich befinden, werden sie sofort nach Bosnien-Herzegowina abgeschoben.

Von dort können sie nicht nach Nigeria zurückreisen, weil sie dank der Abschiebung ILLEGAL in Bosnien-Herzegowina sind.

Nur dass es natürlich nicht sowas Metaphysisches wie den Teufel für solche einen Plot braucht, sondern nur das europäisches Asylregime und eine Portion Rassismus.

"Stiftungen fördern soziale Ungleichheit"

Aus einem taz-Artikel mit dem Titel "Arbeiterkind bleibt Arbeiterkind" von November:

"Nach einer Studie des Hochschulinformationssystems (HIS) sind nur 33 Prozent der Stipendiaten und Stipendiatinnen Arbeiterkinder, wie Nichtakademikerkinder auch genannt werden. Das sind Zahlen von 2008, aber Recherchen der taz haben ergeben, dass die Stipendien im Schnitt unverändert sozial ungleich verteilt sind."

"Zum Vergleich: Nach Zahlen des aktuellen Bildungsberichts der Bundesregierung hat bei immerhin 47 Prozent der Studierenden an Universitäten und Fachhochschulen keiner der beiden Elternteile einen akademischen Abschluss. Aber auch damit sind Nichtakademikerkinder an den Universitäten und Fachhochschulen unterrepräsentiert: Ihr Anteil an der gesamten Altersgruppe liegt bei 72 Prozent."

"Nach den Zahlen reproduzieren die meisten Stiftungen nicht nur die soziale Ungleichheit, sondern verstärken sie unter ihren Geförderten weiter."

Und dazu noch diese hübsche Graphik aus demselben Artikel:

"In der Grafik ist die Hans-Böckler-Stiftung irrtümlicherweise nicht aufgeführt). [Sie] kommt auf 58 Prozent."

Erinnert mich an das Werk Die Illusion der Chancengleichheit von Pierre Bourdieu und Jean-Claude Passeron aus den 70ern. Darin wurde die These aufgestellt, dass das Bildungswesen soziale Ungleichheiten und Klassenprivilegien nicht etwa abbaut, sondern sie erhält, indem es den Anschein vermittelt, dass alle die gleichen Chancen hätten. Die Auslese aufgrund allgemeiner Leistungskriterien ist aber nach Bourdieu und Passeron ein Schein, denn die höhere Bildung setzt immer schon die Beherrschung kultureller Techniken voraus, die vor allem jenen von Kindesbeinen an mitgegeben wird, deren Eltern bereits Akademiker*innen sind. Die Forderungen nach mehr sozialer Teilhabe werden so durch eine vermeintliche Meritokratie beantwortet - wer sich anstrengt, kann aufsteigen -, die aber de facto eine Aristokratie reproduziert.

"Da das System nicht explizit liefert, was es verlangt, verlangt es implizit, daß seine Schüler bereits beherrschen, was es nicht liefert: eine Sprache und Kultur, die außerhalb der Schule durch unmerkliche Familiarisierung gleichzeitig mit der entscheidenden Einstellung zur Sprache und Kultur ausschließlich auf diese Weise erworben werden kann."

Ein Aspekt davon wird auch in dem taz-Artikel aufgegriffen:

"Die Stiftungen wenden drei Kriterien an: Begabung, Persönlichkeit und gesellschaftliches Engagement. [...] Hinter vorgehaltener Hand sagen einige Vertreter der Stiftungen, dass unter 'Engagement' zu lange einseitig deren bildungsbürgerliche Variante belohnt wurde. Zugespitzt sind etwa die Klassiker im linksliberalen Bürgertum eine Mitgliedschaft bei Amnesty International, das Mitmachen in der Theater-AG der Schule und nach dem Abitur ein Jahr Entwicklungshilfe in Afrika, für die meistens sogar noch Geld bezahlt werden muss. Kinder aus Arbeiterhaushalten haben meistens gar nicht das Kapital."

Bildung und autoritäre Einstellungen als neue Wahlentscheiderinnen?

Im Nachgang der UK-Wahlen vom 12. Dezember haben die Unzufriedenen (vor allem die Labour-Parteirechte) keine Sekunde verschwendet, um lauthals Corbyn und "seine Clique" für die Wahlniederlage verantwortlich zu machen. In der Mitte der Gesellschaft kommt das gut an, denn unter Corbyn war ihnen Labour zu radikal geworden. Wenn wir uns in jenen traditionellen Labour-Wahlkreisen umhören, die zum Teil nach einem Jahrhundert Labour das erste Mal an die Tories gegangen sind, dann beschleicht einen das Gefühl, dass Corbyn vor allem nicht "patriotisch", rassistisch, nationalistisch und militärisch genug war. Die Rufe der Labour-Parteirechten, dass Labour sich wieder auf ihre klassische Arbeiterklassewählerschaft besinnen sollte, erinnern ein bisschen an Sarah Wagenknechts Versuche, nach den Stimmen des älteren, weißen Arbeiters zu fischen, der früher SPD gewählt hat und sich jetzt in dieser Gesellschaft nicht mehr repräsentiert fühlt.

Aber auch wenn man das als billigen Linkspopulismus abtun kann, so steckt hinter der Wahlniederlage Labours in einigen ihrer ehemaligen Hochburgen vielleicht ein tiefergehendes Problem, dass den Linken zu denken geben sollte. Und zwar nicht nur in Großbritannien, sondern überall, wo ein größerer Teil der Bevölkerung Zugang zu höherer Bildung erlangt hat. Der britische Politologe David Runciman hat dazu 2016 einen sehr interessanten Artikel geschrieben mit dem Titel How the education gab is tearing politics apart. Seine grundlegende These ist, dass Bildung einer der wichtigsten Prädiktoren für Wähler*innenverhalten geworden ist, vielleicht sogar wichtiger als Klasse und Alter. Im Grunde vertritt Runciman die Kulturthese in der jüngsten Debatte über die Herkunft von Rechtspopulismus, wonach autoritäre Einstellungen im Gegensatz zu libertären Einstellungen ein wichtigerer Faktor dafür sind, ob jemand rechtspopulistisch wählt, als ökonomische Indikatoren.

TL;DR takeaways:

* Der größte Einzelindikator für die Wahlentscheidung bei der Brexit-Abstimmung war Bildungserfahrung. Ähnliche Erkenntnisse gibt es in Bezug auf Trump: "The best single predictor of Trump support in the Republican primary is the absence of a college degree." (Runciman zitiert hier The Atlantic.) Die zunehmende Bedeutung von Bildung bei der Wahlentscheidung hätten Wissenschaftler*innen schon bei der UK-Wahl 1983 festgestellt. Runciman konstatiert: "Class still matters. Age still matters. But education appears to matter more."

* Es sei aber nicht wahr, dass sich (westliche) Demokratien in Richtung eines Gegensatzes zwischen weitverbreiteter Unwissenheit und Expert*innenwissen entwickeln würden, auch wenn das inzwischen eine populäre Idee unter den Hochgebildeten sei. Die Hochgebildeten würden sich in ihrem politischen und moralischen Denken auch oft irren, sie seien nur besser darin so zu klingen, als wüssten sie, worüber sie reden, weil sie dazu ausgebildet sind, so zu klingen.

(Bourdieu wird in seinem Grab jetzt wahrscheinlich wohlwollend mit dem Kopf nicken. Es erinnert mich ein bisschen an seine Studie zu Kunstgeschmack, in der er feststellte, dass das Bürgertum zwar auch nichts mit abstrakter Kunst anzufangen weiß, dafür aber gelernt hat, wann man den Mund halten muss, um sich nicht als Banause zu outen.)

* Vielmehr sei die Kluft in den Wahlentscheidungen zwischen Hochgebildeten und weniger Gebildeten auf einen Konflikt zwischen zwei Weltanschauungen zurückzuführen. Und das sei eben nicht der Klassenunterschied oder der Unterschied zwischen Globalierungsgewinnern und -verlierern. Vielmehr ginge es hier um zwei unterschiedliche Wertemengen, nämlich liberale und autoritäre Einstellungen. Als Indiz zitiert Runciman noch eine Erkenntnis von den Wahlentscheidungen zum Brexit: "Along with education levels, the strongest indicator of likely support for Brexit was shown by attitudes to capital punishment: the more you were in favour, the more you wanted to leave the EU."

* Über den Grund, warum weniger Gebildete mitunter gegen ihre Interessen wählen und sich dabei auch oft gegenüber allen vermeintlich rationalen Argumenten verschließen (eine Erfahrung, die sicherlich viele machen, die mal mit AfD-Wähler*innen diskutieren), hat Runciman eine interessante These: Es gebe eine neue Klasse von Expert*innen, für die Bildung eine Vorbedingung gewesen sei, um Teil der Elite zu werden. "Not all of the educated are winners in this world, but almost all of the winners are educated." Das würde den Eindruck vermitteln, dass Wissen ein proxy für Einfluss geworden ist. Und das Problem ist: "once knowledge becomes a prerequisite of power, then it no longer speaks for itself." Wissen scheint nur noch für die Weltanschauung derjenigen zu sprechen, die es besitzen. "At that point it ceases to be knowledge and simply becomes another mark of privilege." Wenn ich also mit meinem ganzen Wissen versuche, einen AfD-Sympathisanten davon zu überzeugen, dass er gegen sein Interesse wählt, zeige ich ihm Runcimans These zufolge nur eins: Dass ich zu einer Elite gehöre, zu der er nicht gehört. Und genau darum wird er meine Überzeugungsversuche ablehnen, egal wie viel Sinn sie machen.

Wir sehen ähnliche Phänomene, wie Runciman sie beschreibt, überall in Europa. So gibt es z.B. auch in Deutschland signifikante Unterschiede in der Wahlentscheidung auf der Grundlage von Bildung. Und in einigen Umfragen wurde festgestellt (bspw. hier von Lengfeld), dass sozialer Status seinen Effekt auf die Wahrscheinlichkeit, AfD zu wählen, verliert, wenn wir z.B. autoritäre Einstellungen betrachten. Das spricht alles für die Kulturthese, welche behauptet, dass sich der Rechtspopulismus nicht ökonomisch erklären lässt.

Aber woher kommen diese Werte? Der Politologe Philip Manow behauptet, dass es in Deutschland nicht autoritäre Normen, sondern Konflikte auf dem Arbeitsmarkt sind, welche Menschen anfällig für die Wahl der AfD machen. Der Grund für die AfD-Wahl wäre dann eher die Angst vor klassischen Statusverlusten - eine sozialstrukturelle und nicht kulturelle Erklärung. Folgt man dieser Argumentation, könnte man die autoritären Einstellungen möglicherweise als eine Reaktion auf die empfundene Konkurrenz am Arbeitsmarkt zurückführen: Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit als Reaktion auf die globale Konkurrenz, in der sich Angestellte heutzutage befinden. Dazu muss ihre objektive wirtschaftliche Situation nicht schlecht sein, es reicht, dass sie sich subjektiv bedroht fühlen.

Meines Erachtens wäre es sehr fruchtbar, einige Erkenntnisse der Politolog*innen und der Soziolog*innen an dieser Stelle zusammenzubringen. Denn die Soziologie hat sich in der Zwischenzeit sehr darum bemüht herauszufinden, woher die autoritären Einstellungen und dieses Gefühl des Misstrauens gegenüber einer vermeintlichen Elite stammen. Eine Erklärung ist, dass bestimmte soziale Gruppen sich in dieser Gesellschaft nicht mehr repräsentiert fühlen. Und das hat dann wahrscheinlich kulturelle und ökonomische Gründe zugleich. Der Nationalismus alter, weißer Männer ist heutzutage wahrscheinlich nicht mehr so im Mainstream der Gesellschaft verankert wie früher. Und das bedeutet sicher auch den Verlust gewisser ökonomischer Privilegien. Antirassistische und feministische Kämpfe sind ja auch seit jeher nicht bloß Kämpfe um Anerkennung, sondern auch Kämpfe um Verteilung gewesen.

Stellt sich nur die Frage, wie man von links mit denjenigen umgeht, die sich nun nicht mehr repräsentiert fühlen. Wie die Labour-Rechte oder Sarah Wagenknecht einfach am rechten Rand zu fischen, funktioniert höchstwahrscheinlich nicht: Die Rechtspopulist*innen und Konservativen werden immer als das authentischere Original wahrgenommen werden. Soll man also einfach darauf hoffen, dass diese autoritären Einstellungen mit dem alten, weißen Mann verschwinden? Oder muss man befürchten, dass die beschriebene Bildungskluft und die damit verbundenen Einstellungen auch genauso für die nachkommenden Generationen gelten werden? Wenn ja, wie können wir es schaffen, dass Feminismus und Antirassismus nicht als Projekt einer privilegierten Elite wahrgenommen werden? Die Linken, die gegen Identitätspolitik wettern, werden sagen, wir müssen wieder über Klasse gehen. Klar scheint jedenfalls, dass das nicht über diskursive Überzeugungsarbeit funktionieren wird, sondern nur vermittels praktisch gelebter Solidarität.

Hier noch einige interessante Zitate aus dem Runcimantext:

"Education does not simply divide us on the grounds of what is in our interests. It sorts us according to where we feel we belong."

"Prior political preferences shape what we think the evidence shows, not the other way round."

"Facebook’s news feed is designed to deliver information that users are more inclined to 'like'. Much of the shock that followed the Brexit result in educated circles came from the fact that few people had been exposed to arguments that did not match their preferences. Education does not provide any protection against these social media effects. It reinforces them."

"The education divide is never going to supplant traditional left-right politics."

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Mir scheint ja, es wurde inzwischen relativ sicher festgestellt, dass das Aufkommen des Rechtspopulismus viel mit autoritären Einstellungen und mit dem Gefühl zu tun hat, sich in dieser Gesellschaft nicht repräsentiert zu fühlen. ("Verlierer" zu sein, auch wenn man z.B. wirtschaftlich objektiv kein Verlierer ist.) Daraus ergeben sich für mich aus linkspolitischer Perspektive vor allem folgende zwei Fragen:

- Woher kommen die autoritären Einstellungen und das "Verlierer"-Gefühl und inwiefern hängen sie mit anderen Faktoren, wie z.B. Klassenposition und Position auf dem Arbeitsmarkt zusammen? (Hängen sie überhaupt zusammen?)

- Müssen wir uns aus linker Perspektive um diese Leute bemühen oder sind die sowieso unrettbar "verloren"? (Weil z.B. unverbesserlich rassistisch.)

Kritik am Postkolonialismus

Inzwischen wird das Gespenst der Identitätspolitik oder das Gespenst des Postkolonialismus auch in politischen Kontexten, in denen ich mich bewege, heraufbeschworen und die Dringlichkeit, mit der diese Konzepte für Vieles verantwortlich gemacht werden, was in der Linken falsch läuft, macht diese Kritik für mich irgendwie suspekt. Ich frage mich: Konstruiert hier eine Riege von Kadern ein Strohmann-Argument, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen eine gewisse Kontrolle entgleitet, oder haben diese Konzepte auf irgendeine Weise wirklich eine abträgliche Wirkung auf linke Bewegungen?

Deutschlandfunk Kultur hat vor kurzem Vivek Chibber, der ein bekennender Kritiker des Postkolonialismus ist, interviewt:

Auf Deutsch (Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit):

Auf Englisch (Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit):

Chibber behauptet darin, dass ...

- Edward Said durch sein Buch Orientalism Grundlagen für Essentialisierung von Ost (Orientalismus) und West schafft, Grundlagen, welche er in demselben Buch offenlegt und kritisiert (z.B. unterstellt Chibber Said den Gedanken, dass es etwas im westlichen Geist sei, was ein Verständnis des Ostens verhindern würde).

- postkoloniale Theorie Kapitalismus für ein inadäquates Konzept halte, um den globalen Süden zu verstehen, obwohl die Theorie zugebe, dass der globale Süden in eine kapitalistische Welt "integriert" wurde.

- das Argument, nachdem man das Kapitalismuskonzept modifizieren müsste, um es auf den Globalen Süden anwenden zu können, keine großartige Einsicht darstelle - das sei selbstverständlich.

- das Argument, nachdem die ganze Idee vom Kapitalismus ein westliches Konzept sei und "östliche" Realitäten deshalb mit diesem Konzept nicht erfasst werden könnten, Nonsens sei (schließlich müssten auch die Menschen im Osten lohnarbeiten und die östlichen Eliten bestünden nicht aus Feudalherren, sondern aus Kapitaleigentümer*innen).

- dieses Argument zur Essentialisierung des Ostens beitragen würde (indem es sagen würde, dass der Osten fundamental verschieden vom Westen sei und man Kategorien wie Kapitalismus, Demokratie, Rationalität, Vernunft, Wissenschaft nicht auf den Osten anwenden könne).

- Postkolonialismus überhaupt die Ansicht wiederbelebt hätte, dass der Osten eine unveränderbare Realität wäre, die essentiell anders als der Westen sei.

- die Aufklärung zwar im Westen entstanden sei, dass ihre grundlegenden Ideen aber auch im Osten und östlicher Philosophie zu finden oder dieser sogar entnommen seien.

- das Konzept von Kapitalismus eine Art universale Essenz hat und dass das auch nicht kontrovers wäre (da jedes Konzept sowas wie essentialistische Kategorien hätte).

- aber die Idee grundsätzlich fehlerhaft sei, nach der marxistische Theorie oder andere aufklärerische Theorien, indem sie universalisierende Eigenschaften von Kapitalismus betonen, fortdauernde kulturelle und historische Unterschiede auf der Welt nicht anerkennen würden.

Was denkt ihr zu der Kritik am Postkolonialismus (oder zu der postkolonialen Kritik an aufklärerischen Konzepten)? Ist Chibbers Darstellung der postkolonialen Theorie und Kritik angemessen oder gibt er diese inakkurat wieder?

Revolution in the UK?

[Ein Post-Wahl Update plus Analyse der vielen Stimmen, die wenige Tage nach der Wahl vermeinen, Gott und die Welt erklären zu können, unten im Kommentar.]

Na, eine Revolution wird es wahrscheinlich nicht. ;) Aber im Königreich passieren zurzeit erstaunliche Dinge. Wer nicht hinschaut, verpasst was! Warum? Hier ein Überblick:

Momentan führen die konservativen Tories von Premierminister Boris Johnson in den Umfragen mit großem Abstand vor der Labour-Partei mit ihrem Parteivorsitzenden Jeremy Corbyn - genauer gesagt 19 Prozentpunkte. Tja, ist doch eindeutig, denkt man. Aber: Das war vor zwei Jahren ähnlich, als die damalige konservative Premierministerin Theresa May kurzfristig Neuwahlen ausgerief. Sie hatte die Gelegenheit für günstig befunden, ihre Mehrheit im Parlament vor den Brexitverhandlungen auszubauen. Die Umfragen sahen sie bei ca. 20 Prozent vor Labour und Jeremy Corbyn hatte schlechte Zustimmungsraten. Der Schuss ging gehörig nach hinten los und Theresa May verlor 13 Sitze im Parlament, während Labour 40 dazu gewann. Letztendlich trat sie im Frühsommer dieses Jahres zurück, weil sie ihren Brexitdeal nicht durchs Parlament bekam. Ist der Ausgang der anstehenden Wahl also vielleicht doch noch offen?

Die Labour-Partei durchläuft, seit Jeremy Corbyn 2015 ihr Vorsitzender geworden ist, eine Transformation. Das hat nur teilweise mit seiner Person zu tun und sehr viel damit, wofür er steht: Nämlich für wirklich linke Politik, getragen von einer Bewegung oder zumindest Ansätzen davon. Diese Bewegung wird häufig mit der Strömung Momentum innerhalb Labours identifiziert. Sicherlich spielt Momentum eine wichtige Rolle und seine Wahl zum Parteivorsitzenden hat Jeremy Corbyn aller Wahrscheinlichkeit nach zu bedeutenden Teilen dieser Strömung zu verdanken, aber: Es ist mehr als das! Denn es handelt sich hier nicht mehr nur um eine Politgruppe oder eine politische Strömung in einer Partei, sondern um einen Funken der überspringt. In vielen Gegenden Großbritanniens organisieren sich Menschen selbständig und werden von einen Tag auf den nächsten Grassroots-Aktivist*innen, die Türklinken putzen gehen, um diese Wahl zu Labours Gunsten zu wenden. Manche von ihnen politisieren sich das erste Mal, andere sind schon lange politisch, haben aber bisher in parlamentarischen Parteien kein Potenzial für echte Veränderung gesehen. Sie alle eint, dass sie sich mit einer anderen, linken Politik identifizieren und dass sie bereit sind, den Funken weiterzugeben. #Bewegung (Momentum verlegt sich übrigens zunehmend auf die Rolle der Multiplikatorin für diese Grassroots-Mobilisierung. Zuletzt wurde eine App gestartet, welche Aktivist*innen mit Daten über umkämpfte Abgeordnetenwahlkreise in ihrer Nähe versorgt.)

Dass es eine solche Bewegung gibt oder sie zumindest in der Entstehung begriffen ist, will man hoffen, wenn man sich zum Beispiel anschaut, was vor dem Studio von BBC Question Time in Sheffield letzten Freitag los war. Question Time ist ein beliebtes Fernsehformat, wo die Parteivorsitzenden vom Studiopublikum jeweils einzelnd in die Mangel genommen werden. Vor und nach seinem Auftritt wurde Jeremy Corbyn von einer ziemlich großen Menschenmenge begrüßt (Twitterlink), die sich spontan dort eingefunden hatte. Auch in dem folgenden Labour-Video zu sehen:

Den Gesang "Oh Jeremy Corbyn" zur Melodie von "Seven Nation Army" von den White Stripes aus dem Video gibt es schon seit der Kampagne 2017. Aus deutscher Perspektive mag das sehr wie Personenkult wirken - und vielleicht ist es kein Zufall, dass in Deutschland so viele uncharismatische Politiker*innen erfolgreich sind -, aber Corbyns Wahl zum Parteivorsitzenden ist ein kleines Fanal für viele Linke und junge Menschen gewesen. Corbyn ist beileibe kein Volkstribun, es geht eben um die Politik, für die er steht. Ihr müsst euch das so vorstellen, als würde, sagen wir, Bernd Riexinger zum Vorsitzenden der SPD gewählt werden. Jeremy Corbyn war jahrzehntelang Labour-"Backbencher", d.h. nie an Labour-Regierungen, Labour-Fraktionsvorsitzen oder dergleichen beteiligt. Vielmehr hat er, als Labour von 1997 bis 2010 an der Macht war, 428mal gegen seine eigene Fraktion gestimmt. Er wurde um die zwei Jahrzehnte vom Londoner Staatsschutz beobachtet, weil er für "subversiv" gehalten wurde. Seit Corbyn Parteivorsitzender ist, haben sich die Mitgliederzahlen von Labour mehr als verdoppelt, von gut 200.000 auf knapp 500.000 Mitglieder.

Ich bin ja der Meinung (oder der Hoffnung?), dass es der genannte Funke, diese Bewegung in Ansätzen ist, die sich in den Umfragen nicht widerspiegelt und die der Labour-Partei vielleicht dieses Mal genau so wie 2017 zu einem Überraschungserfolg verhelfen wird. Bisher haben sich die Labour-Aktivist*innen auf die Wähler*innenregistrierung fokussiert, um vor allem junge Menschen zum Wählen zu mobilisieren. Die Registrierungsfrist endet am 26. November, dann beginnt der Showdown.

Es sind nämlich die jungen Menschen, in Zeiten von Austerität aufgewachsen, bei denen die Inhalte von Labours Wahlprogramm gut ankommen. Aber auch bei vielen Linken, die sonst von der Labour-Partei desillusioniert waren, findet das Programm einen Widerhall. Im Zentrum stehen vor allem stärkere steuerliche Belastung der oberen 5% Prozent und von Unternehmen, die den Klimawandel vorantreiben, immense öffentliche Ausgaben (83 Mrd. Pfund zusätzlich pro Jahr), insbesondere zur Stärkung des öffentlichen Gesundheitssystems (NHS) und zum Bau von Sozialwohnungen, ein zweites Brexit-Referendum, Abschaffung der Studiengebühren, ein Mindestlohn für alle, Verstaatlichungen von Wasser, Eisenbahn und Post, freies Internet für alle u.v.m. Viele Punkte werden hier in einem 60-Sekunden-Video von Jeremy Corbyn aufgezählt (Twitter Link). Einige auch in dieser zusammengeschnittenen Rede:

Die spannende Frage für die kommenden knapp drei Wochen bis zu den Parlamentswahlen ist also, ob Labour eine Aufholjagd wie 2017 wiederholen kann. Ein erster Unterschied zu 2017 ist, wie der Observer beobachtet, dass die Wahldynamik bisher einem anderen Verlauf folgt: "In 2017, May’s [trajectory] was already firmly downward [...] Conservative polling this time has followed a gentle upward trajectory, like a well-executed jumbo jet takeoff." Die Tories versuchen anscheinend auch, im Vergleich zu 2017 Einiges anders zu machen, um nicht wieder ein derartiges Desaster zu erleben. So nimmt Boris Johnson im Gegensatz zu Theresa May überhaupt an TV-Debatten teil. 2017 hatten die Tory-Strateg*innen entschieden, dass Theresa May sich mit ihrem großen Vorsprung in den Umfragen gar nicht einem so unkontrollierbarem Risiko aussetzen sollte. (Die BBC hat insgesamt 10 potenzielle Gründe aufgelistet, warum May ihre Mehrheit vermasselte.) Boris Johnson fährt in seinen TV-Auftritten eine Strategie, die einige vielleicht aus dem Organizing kennen: Frage anerkennen, kurze, generische Erwiderung und dann zu seinem Boxsack zurückkehren - "get Brexit done". Mit dem Vorsprung in den Umfragen im Rücken scheinen die Tories sich auf die Strategie "no news is good news" verlegt zu haben.

Wenn man sich das heute veröffentlichte Wahlprogramm der Tories anschaut, beschleicht einen der Verdacht, dass es vor allem diese Devise ist - "no news is good news" -, welche die Tories aus Theresa Mays Niederlage mitgenommen haben. Deren Wahlprogramm war von einigen Tory-Abgeordneten angeblich unter der Hand als "das schlechteste, das die Partei je veröffentlicht hat" bezeichnet worden. Der Verdacht bestätigt sich auch, wenn man dem glauben darf, was ein Tory-Insider über den Entstehungsprozess von Johnsons Wahlprogramm äußerte:

"She [May] gave us a handbook for how not to do it. We went over and over the drafts with a fine-tooth comb. Anything that might distract from the main message [get Brexit done and then we can invest in public services] was taken out."

Statt schlechte Inhalte also lieber keine Inhalte - beyond get Brexit done. Wie sich diese Strategie auswirkt, wird sich jetzt zeigen. The Independent kommentierte bereits unter dem Titel: "Boris Johnson knows he's close to losing this election - that's the real reason the Tory manifesto is so weak".

PS Die BBC nimmt zunehmend eine sehr merkwürdige Rolle bei diesen Wahlen ein. Zuerst nutzte sie einen Clip von 2016 anstatt aktueller Aufnahmen, um Boris Johnson bei einer Kranzniederlegung am Remembrance Day zu zeigen. Dann erhob der Journalist Peter Oborne, der sich selbst als lebenslanger Tory-Wähler bezeichnet, aber auch die Website https://boris-johnson-lies.com/ betreibt, folgende Vorwürfe gegenüber der BBC:

"I have talked to senior BBC executives, and they tell me they personally think it’s wrong to expose lies told by a British prime minister because it undermines trust in British politics."

Und schließlich bearbeitet die BBC nach oben erwähnter Question Time Ausstrahlung wieder einen Clip aus der Show, wenn auch nur leicht, in dem Johnson als Lügner bezeichnet wurde. Schaut hier (Twitterlink) und urteilt selbst.
(Inzwischen hat die BBC sich dafür entschuldigt und das Vorgehen als Fehler bezeichnet, jedoch ohne Täuschungsabsicht.)

PPS Wer gerne Comics liest: Alan Moore wird nach 40 Jahren das zwei Mal in seinem Leben wählen gehen. Dreimal dürft ihr raten, für wen.

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Es ist also doch quasi zu einer Revolution gekommen, nur ein bisschen anders, als erhofft. Boris Johnson hat Labour eine historische Wahlniederlage zugefügt und 66 Sitze dazu gewonnen, während Labour 42 verloren hat. Johnson hat nun eine bequeme Mehrheit, um seine Version des Brexits durch das Parlament zu kriegen, zumal die gemäßigteren pro-Remain Tories vorher aus der Partei gedrängt worden waren und nun entweder für die Liberal Democrats oder als Unabhängige angetraten. Wenn es stimmt, dass politische Entwicklungen von den USA nach Großbritannien und von dort nach Kontinentaleuropa rüberschwappen, stehen uns düstere Zeiten bevor, denn die Kampagne der Tories stützte sich vor allem auf drei Säulen: Eine Kernmessage ("get Brexit done"), ansonsten wenig Inhalte außer die übliche immigrationsfeindliche Rhetorik - und: Irreführung. First Draft, quasi eine Non-Profit Organisation zur Bekämpfung von Fake News, an der sich auch Twitter und Facebook beteiligen, stellte fest, dass 88% der Facebook Ads der Tories mindestens irreführend waren und Zahlen aufstellten, welche keine empirische Grundlage hatten.

In der Labourpartei ist inzwischen der Kampf um die Deutungshoheit für die Niederlage bereits in vollem Gange. Insbesondere den Parteirechten kommt die Niederlage sehr zupass, da sie unter Corbyn und dem Einfluss von Momentum Stück für Stück aus Machtpositionen gedrängt worden waren. Sie machen vor allem Corbyns Person für die Niederlage verantwortlich. O-Ton Alan Johnson, der unter Blair und Brown Minister war:

"It’s Corbyn. Jeremy Corbyn was a disaster for Labour – everyone knew that he couldn’t lead the working class out of a paper bag."

Diese Kommentare sind mit Vorsicht zu genießen - viele der Parteirechten verabscheuen Corbyn zutiefst und haben alles in ihrer Macht stehende versucht, um Corbyn zu schaden. Sogar ein Sieg Johnsons war einigen von ihnen lieber als eine Regierung unter Corbyn - so schalteten 15 ehemalige Labour MPs am Vorabend der Wahl eine Anzeige in mehreren Zeitungen, in der sie dazu aufriefen, nicht Labour zu wählen.

Es gibt aber möglicherweise ein Problem, für das auch die Figur Corbyn steht, auch wenn das nicht so viel mit seiner politischen Agenda oder seinen politischen Qualitäten zu tun hat: Es scheint, dass die Labourpartei ihre Verbindung zumindest zu einem großen Teil der Arbeiter*innenklasse verloren hat. Jeremy Corbyn, wie auch einige andere Figuren aus dem Schattenkabinett, stammen aus der Londoner Mittelschicht. Greater London ist auch die Region, wo Labour den Tories einige Sitze abnehmen konnte. Gleichzeitig verlor Labour aber dramatisch in Regionen, die quasi als Inbegriff der Labour-Wählerschaft gelten: Die alten Stahl-, Kohl- und Industrieorte im Nordosten Englands. Sie wurden (bisher) auch gerne Red Wall genannt, weil sie zum Teil seit um die 100 Jahre Labour wählen. Und das ist auch die eigentliche Revolution: Dass die Tories es geschafft haben, in diesen Regionen Mandate zu gewinnen und somit den Red Wall zum einstürzen oder zumindest zum Bröckeln gebracht haben.

Einige Lefties bei Labour vertreten vor allem die These, dass Brexit das entscheidende Problem war. Sie sagen im Grunde, dass sich zwischen den Wahlen von 2017 und 2019 nur eine Sache verändert hat: Labours Position zu Brexit. (2017 vertrat Corbyn z.B. noch einen Austritt aus der EU, für diese Wahl war Labours Position, ein zweites Referendum abzuhalten.) Ein typischer Twitterpost in diesem Sinne:

Ihr Argument ist gewissermaßen, dass Corbyn nichts dagegen machen konnte, dass die Wählerschaft bereits diese Wahlen als zweites Brexit-Referendum interpretierten. Boris Johnson habe es eben geschafft, den Leave-Vote hinter sich zu vereinen, während der Remain-Vote gespalten blieb - ein Umstand, der in einem Mehrheitswahlrechtssystem ausschlaggebend sein kann.

Meines Erachtens ist es ein bisschen zu früh, um jetzt schon Schlüsse zu ziehen, da wir noch gar keine Daten dazu haben, wer genau wie gewählt hat. Nehmen wir zum Beispiel folgende Graphik von Financial Times Assistant Editor Janine Gibson:

Die Graphik soll zeigen, dass der Wechsel zu den Tories umso stärker war, je höher der Anteil der Menschen in gering qualifizierten Jobs in einem Wahlkreis war. Was im Grunde das Narrativ bedient, dass Labour den Kontakt mit der Arbeiter*innenklasse verloren hat. Das waren aber auch die Gegenden, wo der Leave-Vote überproportional hoch war. Waren es überhaupt diejenigen in gering qualifizierten Jobs, welche die Tories gewählt haben? Und wenn ja, weshalb? Weil sie sich von der Labourpartei nicht mehr vertreten fühlen? Oder weil sie pro-Brexit waren? Oder beides?

Wer an die Diskussionen in Deutschland über den Aufstieg des Rechtspopulismus denkt, wird vielleicht zu der Hypothese gelangen, dass die Eigenschaft, welche Leave-Vote und Arbeiter*innenklasse verbindet, autoritäre Einstellungen in einigen Teilen der Arbeiter*innenklasse sind. Die Idealfigur, auf die sich diese Erklärung bezieht, ist der ältere, weiße und immigrationsfeindliche Arbeiter, der von Tony Blairs Labour verraten wurde, und sich nun in einer vermeintlich zunehmend diversen Gesellschaft immer weniger repräsentiert fühlt. Durch eine Labour-Fraktion, welche die diverseste in der UK-Parlamentsgeschichte ist, würde sich so jemand wahrscheinlich nicht vertreten fühlen.

Wir müssen uns aber tatsächlich noch ein bisschen gedulden und auf weitere Daten warten, bis wir solche Schlüssen ziehen können. Bis dahin bleibt uns, ersten Hinweisen zu folgen. So gibt es zum Beispiel ein äußerst interessantes Muster in den meisten Leave-Wahlkreisen, welche die Tories von Labour gewinnen konnten, wie The Independent berichtet: Labour hat in diesen Wahlkreisen in absoluten Zahlen häufig nicht schlechter abgeschnitten als 2015 und 2010 oder als 2005 (als Tony Blair tatsächlich eine Labourregierung bilden konnte), sondern nur schlechter als 2017, als Corbyn bereits Spitzenkandidat war. Die Siege der Tories in diesen Wahlkreisen sind also möglicherweise nicht damit zu erklären, dass Labour von seiner Wählerschaft verlassen wurde, sondern dass die Tories neue Wähler*innen mobilisiert haben. Vielleicht eine Analogie zu der Mobilisierung von Nichtwähler*innen durch die AfD in Deutschland? (Dass die Tories es geschafft haben, den rechten Rand, welcher in Deutschland durch die AfD bedient wird, zumindest teilweise abzudecken, wird dadurch nahegelegt, dass die rechtspopulistische Brexit Partei keinen einzigen Sitz gewinnen konnte.)

Ein anderer Punkt, der von dem Thinktank Centre for Towns stammt, ist, dass Labour vor allem in urbanen Gegenden punktet und in weniger urbanen Gegenden sehr viel unbeliebter ist. Ich weiß nicht, woher die Daten für die folgende Graphik kommen, aber wenn das stimmt, ist das schon ziemlich eindeutig:


(Blau steht für Tories, Rot für Labour.)

Das würde evtl. zu der Erklärung passen, dass bei der Wahl vor allem kulturelle Werte eine Rolle gespielt haben und nicht so sehr ökonomische Klassenunterschiede.

Zuletzt möchte ich einen Punkt erwähnen, der mir noch am ehesten bereits jetzt produktiv diskutierbar erscheint und das ist die Frage, ob das Wahlprogramm bzw. die diesbezügliche Strategie für die Labour Partei zum Problem geworden ist. Manche Stimmen sagen, dass das Programm wie eine unrealistische Wunschliste gewirkt hat. Viele Punkte des Programms waren anscheinend sehr populär unter der Wählerschaft mit Zustimmungsraten zwischen 50-60%, aber aus irgendeinem Grund hat das Wähler*innen nicht in ausreichendem Maße dazu bewegt, Labour zu wählen. Vielleicht lag es wirklich daran, dass Labour im Vorlauf zur Wahl alle paar Tage einen neuen Punkt aus dem Wahlprogramm herausgriff, um ihn auf einer Pressekonferenz groß zu verkünden. Für manche mag das gewirkt haben, als hätte man einfach eine Wunschliste zusammengeschrieben, andere mögen vielleicht gar irgendwann den Überblick verloren haben. Boris Johnson hingegen hat sich insbesondere auf eine Kernbotschaft konzentriert und die scheinen ihm die Wähler*innen, trotz all seiner Lügen, abgenommen zu haben.

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Interessante Folge von halbzehn.fm zur General Election in UK. Dort wird vor allem der wichtige Punkt aufgegriffen, warum Labour so schlecht abgeschnitten hat, obwohl es von Seiten der Wählerschaft eine hohe inhaltliche Zustimmung zu vielen Punkten des Labourwahlprogramms gab. Meiner Ansicht nach einer der wenigen Punkte, die so kurz nach der Wahl bereits sinnvoll diskutiert werden können. Die kurze Antwort aus dem Podcast: Leute woll(t)en keine Wahlgeschenke (sondern Demokratie). Ich war ja auch in Bezug auf den Twitterhype um free broadband ziemlich underwhelmed.

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Angeleiert hat die Parlamentswahlen Boris Johnson, amtierender Premier aus Reihen der konservativen Tories, weil er seinen Brexitdeal nicht durch das Parlament bekommen hat. Boris Johnson ist aber nicht irgendein Premier und die Umstände der Neuwahl sind alles andere als gewöhnlich. Boris Johnson beerbte erst diesen Sommer Theresa May als Parteivorsitzender der Tories und damit - per ungeschriebenes Gesetz - automatisch auch als Premierminister. Theresa May war mit ihrer eigenen Version des Brexitdeals mehrmals im Parlament gescheitert - im Grunde, weil der Vertrag den pro-Brexit Hardlinern, den sogenannten "Brexiteers", nicht Exit genug war, während er den pro-europäischen sogenannten "Remainers" bei den Tories zu viel Exit aus der EU war. Beide Gruppen rebellierten und Theresa May musste gehen.

Boris Johnson handelte nun einen neuen Brexitdeal aus und versprach, dass Großbritannien bis zum 31. Oktober die EU verlassen würde. In einer Rede vor Polizeikadett*innen sagte Johnson, er würde lieber "tot in einem Graben liegen", als den Brexit über den 31. Oktober hinaus zu verlängern. Und dann begann ein Schauspiel politischer Machtpolitik at its best: Johnson kündigte kurzerhand an, die Parlamentspause auf 5 Wochen zu verlängern, 17 Tage bis vor den geplanten Austritt der EU. Die Opposition befürchtete nun, das Johnson einen No-deal Brexit billigen in Kauf nehme: Wenn das Parlament es in den 17 Tagen bis zum 31. Oktober nicht schaffen würde, alle nötige Gesetzgebung zu verabschieden (und das war nicht unrealistisch), würde Großbritannien ohne Deal aus der EU fliegen. Der sogenannte Hard Brexit oder No-deal Brexit dräute.

Also verabschiedete die Opposition mit der Hilfe von 21 pro-Remain Tories den sogenannten Benn Act, ein Gesetz, das Johnson dazu verpflichtete, eine Verlängerung der Brexitfrist von der EU zu erbeten, sollte das Parlament bis zum 19. Oktober die nötige Gesetzgebung nicht verabschiedet haben. (Diesen "Rebels" wird in der Folge die Fraktionszugehörigkeit entzogen.) Johnson beantragte daraufhin zweimal Neuwahlen im Parlament, erreichte aber jeweils nicht die nötige 2/3-Mehrheit. Auch eine Neuwahl hätte einen No-deal Brexit auf ähnliche Weise mit sich bringen können wie die Parlamentspause. Außerdem klagte die Opposition vor Gericht gegen die Verlängerung der Parlamentspause und gewann, so dass das Parlament Ende September wieder zusammentrat. Johnson verhandelte am weiter mit der EU und als die Zeit bis zum 19. Oktober verstrichen war, ohne die nötige Gesetzgebung, schickte Boris Johnson ganze drei Briefe an die EU:

The prime minister sent a total of three letters: an unsigned photocopy of the request he was obliged to send under the Benn Act, an explanatory letter from the UK’s ambassador to the EU and a personal letter explaining why Downing Street did not want an extension.

Indessen hatte Boris Johnson einen neuen Deal mit der EU ausgehandelt, der bereits im Parlament debattiert wurde. Als das dazugehörige Gesetz in zweiter Lesung ins Parlament kommt (am 22. Oktober), stimmt ihm zwar eine Mehrheit zu, da Johnson inzwischen einige der Tory Rebels wieder hinter sich vereint hat (und einige auch die Fraktionszugehörigkeit wiedererlangt haben), aber die dazugehörige 'programme motion' wird abgelehnt. Sie hatte vorgesehen, dass das Gesetz innerhalb von 3 Tagen verabschiedet wird. Johnson reagiert daraufhin erneut mit einem Antrag auf Neuwahlen, dem die Opposition diesmal zustimmt, nachdem die EU einer Verlängerung bis zum 31. Januar gewährt hat.

Wer nun den Eindruck bekommen hat, Boris Johnson sei einer der härteren Brexiteers, der mag sich durchaus irren. Johnson ist ein Machtpolitiker, der sein Fähnchen ein bisschen nach dem Wind dreht, um am Ende zu gewinnen, und sein Verhalten als Premierminister legt nahe, dass er alles dafür getan hat, um Neuwahlen herbeizuführen, weil er die Situation vor dem Hintergrund gesunkener Popularitätswerte der größten Oppositionspartei Labour für opportun hielt. Viele haben ihn als notorischen Lügner bezeichnet. Er hat sich als Journalist immer wieder sexistisch, homophob und rassistisch geäußert. Er ist, wenn man so will, die very British version of Berlusconi: Weniger offen mit der Wirtschaft verbandelt, dafür aber ausgebildet in Eton und Oxford, gibt er sich als volksnah, grinst stets verschmitzt und lässt keine Gelegenheit aus, ein Witzchen zu reißen. Bekannt wurde Boris Johnson als Bürgermeister Londons und durch Projekte, die von seinem Labour-Vorgänger initiiert und geplant wurden, für die Johnson aber schließlich Ruhm einheimste, wie z.B. die sogenannten Boris bikes, ein öffentliches Fahrradverleihsystem in London. Der Herausgeber der Satirezeitschrift Private Eye Ian Hislop traf wohl ganz gut die öffentliche Meinung in Großbritannien über Boris Johnson, als er meinte:

"He's our Berlusconi, but somehow it's funny. He's the only feel-good politician we have, everyone else is too busy being responsible."

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